BAUEN: Einsturz drohte

Die Sanierung zeigt: Der alte Dachstuhl der Seegefelder Kirche war Flickwerk

FALKENSEE - Jörg Kuntze steigt die schmale Leiter empor. Auf einer behelfsmäßigen Decke läuft der 63-jährige Falkenseer vom Süd- ins Nordschiff der Seegefelder Kirche. Hier oben, direkt unter dem Dachstuhl, offenbart sich, was Statiker längst vermutet haben: Es grenzt an ein Wunder, dass das Kirchendach bisher nicht eingestürzt ist.

"Wie dringend das Dach erneuert werden muss, haben wir erst gesehen, als die Ziegel abgetragen und der Dachstuhl freigelegt war", sagt Jörg Kuntze, der Mitglied im Bauausschuss der Kirchengemeinde ist. Von Beruf Bauingenieur kann er kaum fassen, was er da sieht. "Eigentlich müssten die Lasten vom Dach auf einen stabilen Balken abgetragen werden. Hier aber lastet alles auf drei kleinen Holzscheiten", erklärt er und deutet auf eine Konstruktion, die selbst dem Laien wie Flickwerk vorkommt. Über dem Mittelschiff biegt sich der Holzbalken so sehr, dass jeder Gedanke an einen kräftigen Sturm oder eine hohe Schneelast ein mulmiges Gefühl auslöst. "Ein solches Provisorium ist für ein Bauwerk tödlich", sagt Jörg Kuntze.

Auch Pfarrerin Gisela Dittmer ist überzeugt: "Wir hatten großes Glück, dass bisher nichts passiert ist." Als die Geistliche ihr Amt in der Gartenstadt vor fünfeinhalb Jahren angetreten hat, hieß es, mit dem Dach sei alles in Ordnung. "Es war ja noch kurz vor der Wende saniert worden", erzählt Gisela Dittmer. Doch offenbar nicht fachgerecht, wie ein Statiker bereits vor einigen Wochen in einem Gutachten beschrieb. "Dass die Mängel aber so extrem sind, hätte keiner gedacht", so die Pfarrerin.

Aus den Unterlagen im Kirchenarchiv war allerdings hervorgegangen, dass in die Arbeiten um 1989 weder ein Statiker, noch ein Bauingenieur involviert gewesen waren. "Die Helfer haben es gut gemeint, aber es fehlte an Fachwissen", meint Jörg Kuntze. Auch er kennt die Briefe, die Gisela Dittmer in einem alten Ordner gefunden hat. Darin bittet die Kirchengemeinde von 1988 bis 1990 immer wieder um Holz für einen neuen Dachstuhl. "Für Kirchenbau aber war in der DDR weder Geld, noch Material da", sagt Jörg Kuntze. So musste sich die Gemeinde mit dem behelfen, was über die Mitglieder zu bekommen war. Eine Familie steuerte sogar Stahlträger bei. "Aus bautechnischer Sicht das einzig Sinnvolle bei der damaligen Sanierung", sagt Jörg Kuntze.

Pfarrerin Gisela Dittmer wirbt derzeit in der Gemeinde um Verständnis für die Bauarbeiten an der knapp 700 Jahre alten Kirche. Immer wieder wird sie mit dem Vorwurf konfrontiert, der neue Dachstuhl sei bloße Schönheitsreparatur. "Dass er das nicht ist, müsste spätestens jetzt allen klar sein", sagt Gisela Dittmer. Sie hofft, im Advent wieder die ersten Gottesdienste in der Kirche feiern zu können. Ob bis dahin allerdings auch der Innenraum so gestaltet ist, wie er bis in die 1920er-Jahre angelegt war, ist noch offen. Geplant ist, den Altar wieder in den Ostflügel der Kirche zu setzen, umringt von Kanzel und Taufstein. "Die Kanzel allerdings", erzählt Gisela Dittmer, "ist uns beim Abbau buchstäblich auseinandergefallen." Und das, obwohl sie vor nicht allzu langer Zeit restauriert worden war aber eben nur äußerlich. Während der Dachneubau mit 222 300 Euro vom Bund gefördert wird, muss für alle weiteren Bauarbeiten jetzt erst wieder gespart werden. "Wir müssen etappenweise entscheiden, was realisierbar ist", sagt die Pfarrerin. (Von Meike Jänike)

Märkische Allgemeine vom 09. September 2010

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