Kirchturm bringt Leben ins Dorf

DÖRRWALDE 35 Jahre, nachdem der Kirchturm im Großräschener Ortsteil zu bröckeln begann, haben jetzt die Bauarbeiten für seinen Wiederaufbau begonnen. Spätestens in zwei Jahren soll die Glocke wieder läuten.

 
Wie auf dieser Zeichnung sah die Kirche von Dörrwalde bis 1974 aus. Dann wurde nach einem teilweisen Einsturz der Turm abgerissen.
Foto: RUNDSCHAU-Archiv

Manfred Hamann schiebt eine Schubkarre unter die Empore. "Ich sehe hier etwas nach dem Rechten", erklärt der 70-Jährige. "Damit den Handwerkern auch nichts im Weg rumsteht." Mit blauer Arbeitsjacke und Schiebermütze huscht er durch das Gotteshaus. "Muss doch mal jemand mit hinschauen." Dorothee Lange-Seifert ist ihm dankbar. "Er hilft, wo er kann", erklärt die Großräschener Pfarrerin lächelnd, "auf ihn ist immer Verlass. Dabei ist er nicht mal ein Gemeindemitglied." "Macht doch nichts", entgegnet Hamann. Es gehe doch darum, dass so ein geschichtsträchtiges Gebäude im Dorf erhalten und gepflegt wird. Zur Freude der Leute im Dorf und der Besucher, die hierher kommen. Dafür müsse man doch etwas tun. "Damit Leben ins Dorf kommt."

Solche verlässlichen Mitstreiter wie Manfred Hamann, der, obwohl er schon fast zwei Jahrzehnte im Dorf lebt und sich sogar einige Jahre davon als Ortsvorsteher engagiert hatte, für viele Dörrwalder noch immer ein "Zugereister" ist, braucht die Pfarrerin. So haben sich Interessierte in einem ehrenamtlichen Bauausschuss zusammengefunden. "Jeder bringt sein Können und Wissen ein", so Lange-Seifert. Da werden Anträge geschrieben, wird mit Fachleuten beraten oder einfach nur auf der Baustelle zugepackt. "Ohne solche Helfer hätten wir es nie geschafft, dass wir den Kirchturm wieder aufbauen können."

Dorfabriss drohte

Seit Freitag voriger Woche hat der Wiederaufbau nun endlich begonnen. 35 lange Jahre hatten die Dörrwalder darauf warten müssen. Wegen des nahenden Tagebaus war das Grundwasser abgesenkt worden, der Turm geriet ins Wanken, bröckelte und wurde kurzerhand abgerissen. Dabei wäre damals eine Reparatur möglich gewesen. Doch weil Dörrwalde auf der Liste der Abrissdörfer, so wie Bückgen in der Nachbarschaft, stand und der Kohle weichen sollte, kam das niemals auf die Tagesordnung.

Doch jetzt haben die Dörrwalder wieder Mut gefasst. 1994 begannen sie, ihre Kirche Schritt für Schritt herzurichten, jetzt machen sie sich an den Kirchturm. Nach langwierigen Beantragungen, anstrengenden Verhandlungen und Kampf um Fördermittel konnte im Sommer zum 600. Dorfjubiläum der erste Spatenstich gesetzt werden. Letzten Freitag fuhren die ersten Handwerker vor, um die Baustelle einzurichten. Seit dem gestrigen Mittwoch sind die Elektriker vor Ort, um die Leitungen zu verlegen und auch die Bauhandwerker, die die Reste des gedeckelten Turmstumpfes bis auf eine Natursteinmauer abtragen, sind auch schon vor Ort. Mittenmang agiert Kerstin Berthold. Die Ingenieurin aus Lauta (Landkreis Bautzen) hat die Bauplanung übernommen. Sie trägt einen dicken Ordner unterm Arm. Ausschreibungen, Auflagen, Pläne - alles griffbereit. Die Kirche kennt sie schon seit vielen Jahren. "Endlich können wir loslegen", sagt die gerade 50-Jährige. Gern hätte sie die Baufirmen schon früher auf die Baustelle geholt, doch manche Behörden haben sich mit Genehmigungen Zeit gelassen. "Wegen der Fördermittel müssen wir aber in diesem Jahr noch ein gutes Stück vorankommen", erklärt Dorothee Lange-Seifert die Zwänge, unter denen so in Bau steht. "Jetzt wird es aber klappen", ist sie zuversichtlich. Spätestens bis zum Juni 2012 soll der Kirchturm fertig sein. Dann wird er wieder eine Haube tragen und in seiner Turmkugel Münzen und Tageszeitung vom Einweihungstag beherbergen. "Die alte Turmkugel ist leider beim Abriss verloren gegangen." Statt der alten Stahlglocken, die vor der Kirche zu sehen sind, soll dann auch eine neue leichtere Glocke läuten.

Symbol für Gemeinsinn

Für Dorothee Lange-Seifert ist der Wiederaufbau des Kirchturms nicht nur ein Bauvorhaben. "Es steht für Gemeinsinn und soll auch den Zusammenhalt im Dorf beleben und die Erinnerung an die Bückgener Kirche, die der Kohle weichen musste, wachhalten." Deshalb freut sie sich auch, dass es bereits jetzt Ideen gibt, die das Leben rund um die Kirche bereichern können.

"Eine Arbeitsgruppe bereitet ein Fest für den 11. Dezember vor. Dörrwalder Sternenfest könnte es heißen", freut sie sich. Wieder arbeiten Menschen verschiedener Anschauungen und aus unterschiedlichen Orten zusammen, freut sie sich darüber, wie der Kirchturmbau schon jetzt auf den Gemeinsinn ausstrahlt. Und als angenehmer Nebeneffekt könnten aus all den Initiativen auch Spenden erwachsen. Immerhin lädt sich die Kirchengemeinde für den Bau des Turms Schulden auf, um die bei der Fördermittelvergabe geforderten Eigenmittel aufbringen zu können.

Von Heidrun Seidel

Lausitzer Rundschau vom 07. Oktober 2010

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