KONZERT: Die schöne Seite der Apokalypse

Menschen helfen Engeln mit Musik

KREMMEN - Pfarrer Thomas Triebler hatte zu Konzertbeginn vor Handys gewarnt, vor Anoraks warnte er nicht. Leider, denn an der zartesten Klarinettenstelle raschelte sich eine Frau erbarmungslos mit ihrem Anorak durch die Reihen und raschelte und raschelte. Es blieb der einzige Misston bei diesem herausragenden Konzert gestern in der Kirche von Kremmen.

Die war mit mehr als 80 Zuhörern gut gefüllt, eingeladen hatte die Aktion "Menschen helfen Engeln" vom Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg. Seit einem Jahr kümmert sie sich um sanierungsbedürftige Taufengel in märkischen Kirchen, in denen es noch etwa 150 von ihnen gibt.

Ulrich Conrads gehört zu den Taufengel-Aktiven, er hatte das Konzertprogramm für Sonntag zusammengestellt. Gemeinsam mit den jungen, exzellenten Musikern aus Russland, Bulgarien, Österreich und England. Musiker, die inzwischen in Berlin studieren oder leben und die ihre Zuhörer scheinbar mühelos, aber konzentriert in ihren Bann zogen. Die Werke waren so gewählt, dass sich in ihnen jeder Instrumentalist beweisen konnte. Gelegenheit dazu bot das selten aufgeführte, ergreifend schöne "Quartett auf das Ende der Zeit", das Olivier Messiaen 1940 in deutscher Gefangenschaft komponiert und dem Engel der Apokalypse gewidmet hatte. Als Klarinettist spielte Sacha Rattle, dessen Vater in Berlin als Dirigent arbeitet, kraftvoll und hauchzart; Thomas Kaufmann nutzte bei dem achtsätzigen Werk das Zwischenspiel, sich mit seinem Violoncello auszuzeichnen. Pavlin Nechev begleitete am Klavier präzise und gewandt. Michael Hanemann sprach eindrucksvolle Texte von Goethe, Hölderlin und aus der Bibel.

Star der Veranstaltung war jedoch der aus St. Petersburg stammende Geiger Sergey Malov. Er spielte zum Abschluss des Konzertes von Johann Sebastian Bach ein Solostück für Violine, die Chaconne aus der II. Partita. Diese ist eine Welt für sich, ihre 256 Takte fordern wegen des mehrstimmig polyphonen Spiels vom Interpreten Höchstleistungen ab. Die Forderungen einer kühlen Kirche kamen gestern hinzu. Sergey Malov meisterte beides auf hinreißende Weise. "Zum Weinen schön", gestand gerührt eine Zuhörerin nach dem Konzert.

Mehr zur Taufengel-Aktion über www.altekirchen.de (Von Marlies Schnaibel)

Märkische Allgemeine vom 25. Oktober 2010

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