BAUKUNST: Die vergessene Pfarrkirche

Endlich wird auch das kleinere der beiden Gotteshäuser von Neuzelle saniert

NEUZELLE - "Als "Barockwunder der Mark" wird das ehemalige Zisterzienserkloster Neuzelle (Oder-Spree) gern bezeichnet. Mehr als 30 Millionen Euro flossen seit 1993 in Erhalt und Sanierung der für Brandenburg einzigartigen Anlage. Die prunkvolle Katholische Kirche St. Marien ist in ihren frischen Gelb- und Weißtönen schon von Weitem zu sehen. Aber es gibt eine zweite, eher versteckt liegende Kirche am Ende der sanierten Klostermauer. Im Gegensatz zu ihrer "großen Schwester" fällt sie durch ihre schmuddelige Fassade, defekte Regenrinnen, bröckelnden Putz und feuchte Stellen im Gemäuer auf. "Der Gegensatz der fast nebeneinander stehenden Gotteshäuser ist schon krass. Touristen machen uns Vorwürfe, wie wir Protestanten unsere Kirche nur so vergammeln lassen können", beschreibt Pfarrer Uwe Weise die häufigsten Reaktionen.

Allein: Aus dem Klingelbeutel der 450 Mitglieder zählenden evangelischen Kirchengemeinde war die Sanierung der Pfarrkirche "Zum heiligen Kreuz" nicht zu bezahlen. "Zumal sie uns gar nicht gehört, sondern Bestandteil der Zisterzienserklosteranlage Neuzelle im Eigentum des Landes ist", stellt Weise klar. Die Pfarrkirche war bei den Instandsetzungsplänen der Stiftung Stift Neuzelle bis dato nicht berücksichtigt worden. Dem Brandenburger Landeskonservator Detlef Karg ist es jetzt offenbar zu verdanken, dass nun doch Bundesmittel zur Rettung des architektonisch und kunsthistorisch wertvollen Kleinods zur Verfügung stehen.

Höchste Eisenbahn für das heruntergekommene Gotteshaus. Ende der 80er Jahre zumindest im Inneren bereits teilweise saniert, hat sich seitdem scheinbar niemand mehr um den 1734 fertig gestellten Sakralbau gekümmert. Denn 1991 war plötzlich der Dachstuhl der katholischen Stiftskirche gefährdet. Restaurierungen wurden auf das große, repräsentative Gotteshaus konzentriert, die kleinere Nachbarin geriet in Vergessenheit.

"Wir fühlten uns wie abgeschoben", erinnert sich Martin Seefeld, Vorsitzender des Gemeindekirchenrates. Für viele ältere Gemeindemitglieder, die hier bereits getauft worden waren, sei der Anblick "wie eine kleine Depression", beschreibt es der Pfarrer. Inzwischen tauchen immer mehr spinnennetzartige Risse in den restaurierten Gewölbedecken auf, die den Stuck brockenweise hinunter auf die schwedischen Kalksandsteinfliesen schubsen. Mäuse- und Rattenlöcher in den Außenwänden künden von "tierischem Betrieb". Ganz zu schweigen vom wurmstichigen und von Kerzen verrußten Altar.

"Mir haben Besucher schon mehrmals geraten, doch mal einen Lappen in die Hand zu nehmen", erzählt Seefeld verärgert. Klar wird aber auf den ersten Blick: Ein Laie würde beim Staubwedeln am skulpturenreichen Altar nur noch mehr Schaden anrichten und die filigranen Holzschnitzarbeiten womöglich abbrechen. Schon in früherer Zeit scheint man hier zu sehr gesäubert zu haben die Vergoldung an Schuhen und Gewänderkanten der Altarfiguren ist verschwunden.

Aber jetzt kommen die Fachleute. Statik, Feuchtigkeit und Wandmalereien werden untersucht. Im nächsten Jahr, so Walter Ederer von der Stiftung Neuzelle, sollen dann Dach, Fassade und Altar rekonstruiert werden. Auch die Orgel braucht eine Generalüberholung. Insgesamt sind für die Sanierung der Neuzeller Pfarrkirche vier Jahre veranschlagt. Die Kosten betragen etwa drei Millionen Euro. (Von Jeanette Bederke)

Märkische Allgemeine vom 16. November 2010

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