PATENSCHAFTEN: Botox für Engel

Denkmalpfleger und evangelische Kirche bitten erneut um Hilfe

WÜNSDORF - Sind Engel Chefsache? Zwei Oberhäupter brandenburgischer Institutionen waren gestern ihretwegen ins Landesamt für Denkmalpflege nach Wünsdorf (Teltow-Fläming) gekommen: Kulturministerin Martina Münch und Markus Dröge, Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz.

Der Hausherr, Landesdenkmalpfleger Detlef Karg, freute sich über den "allerhöchsten Besuch". Es könne, so Karg, "nichts Besseres geschehen, als weltliche und kirchliche Macht hier zusammenzubringen".

Weshalb, das wird bereits beim ersten Blick durch den hohen Raum der Wünsdorfer Restaurierungswerkstatt klar. Am Geländer des galerieartigen Obergeschosses hängen an Drahtseilen und Karabinerhaken sechs Taufengel aus unterschiedlichen Regionen Brandenburgs.

Die beiden sakralen Kunstwerke aus Woltersdorf im Landkreis Potsdam-Mittelmark und Laasow (Oberspreewald-Lausitz) wurden zwar schon erfolgreich konserviert. Die anderen aber weisen zum Teil erhebliche Schäden auf. Da fehlt eine Nase, hier ein Flügel. Dort zeigen sich tiefe Risse oder zahllose Wurmlöcher im Holz. Auf einer großen Arbeitsplatte liegen neben Fotos und Berichten über Restaurierungsarbeiten allerlei Einzelteile und abgetrennte Gliedmaßen lädierte Flügel, vom Wurmfraß befallene Arme und Beine ohne Zehen. Nebenan sieht man den porösen und vermutlich nicht mehr zu rettenden Kopf des Taufengels aus der Kirche der Fläminggemeinde Niebendorf.

Hilfe! möchte man ausrufen. Und genau darum geht es hier ja. Bei der im vergangenen Jahr vom Landesdenkmalamt, der Evangelischen Kirche und dem Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V. ins Leben gerufenen Initiative "Menschen helfen Engeln" stehen einmal nicht die himmlischen Götterboten den Menschen bei. Hier ist es genau umgekehrt: Die Erdenbewohner sollen den märkischen Engeln beistehen.

Diese Hilfe ist, wie die vorgestellten Beispiele zeigten, dringend nötig. Denn obwohl seit Ende November 2009 bereits Spenden in Höhe von 25 000 Euro auf dem Konto des Förderkreises eingegangen sind und weitere Mittel von den Gemeinden selbst eingeworben werden konnten nach jetzigem Stand ist noch ein Drittel der 150 märkischen Taufengel im Bestand bedroht. Deshalb rufen die drei Partner nun zur zweiten Runde ihrer Initiative auf.

Mit rund 50 000 Euro beziffert Detlef Karg den Finanzbedarf für die sechs Cherubim aus sechs Landkreisen, deren Restaurierung man diesmal absichern will. Neben dem Götterboten aus Berge in der Prignitz, dem mit der Zeit beide Flügel abhandenkamen und dem die Würmer Finger, Zehen und Haare dezimierten, sollen seine "Kollegen" aus dem uckermärkischen Ziemkendorf, aus Ringenwalde im Landkreis Märkisch-Oderland, in Wudike (Ostprignitz-Ruppin), Zaue (Dahme-Spreewald) und Niebendorf in den Genuss von Reha- und Schönheitskuren kommen. Dass diese gute Erfolgsaussichten haben, demonstrierten die Denkmalpfleger gestern anhand von Zustandsfotos bereits geretteter Figuren.

"Botox für Engel" kommentierte Martina Münch scherzhaft das Verfahren, mit dem der Taufengel aus Wismar in der Uckermark gerettet werden konnte. Restaurator Werner Ziems zeigte der Ministerin und Bischof Dröge ein Bild, auf dem ein Dutzend Kanülen und Spritzen im Gesicht des Engels steckten.

Dabei hätte Martina Münch selbst eine Erfolgsgeschichte vermelden können. Im vergangenen Jahr hat sie als eine ihrer ersten Amtshandlungen nicht nur symbolisch die Patenschaft für den Taufengel der Dorfkirche in Groß Breesen (Spree-Neiße) übernommen, sondern persönlich dessen Restaurierung finanziert. Inzwischen wurde er mit einem Gottesdienst wieder eingeweiht.

Trotz dieser guten Tat werden auch zahlreiche "kleine" Spender gern gesehen. Denn Engel sind gewiss nicht allein Chefsache. (Von Martin Stefke)

Märkische Allgemeine vom 25. November 2010

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