Königliche Musik aus 500 Zinnpfeifen

Schmargendorf (moz) Die Orgel der Dorfkirche in Schmargendorf soll am Heiligabend nach Jahrzehnten erstmals wieder erklingen. Das rund 150 Jahre alte Instrument wurde komplett auseinandergebaut, repariert und wird derzeit wie ein Riesenpuzzle wieder zusammengesetzt.

 
Überdauerte Generationen: In der Schmargendorfer Kirche wird derzeit die Orgel wieder eingebaut, die komplett auseinandergenommen und in der Eberswalder Orgelwerkstatt repariert und aufgearbeitet wurde.
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540 Orgelpfeifen liegen akribisch sortiert vor Harry Sander. Die kleinste ist gerade mal einen Zentimeter lang, die größte 2,40 Meter. Der Orgelbauer aus Eberswalde hat den Bauplan im Kopf, weiß genau, wo welches Teil seinen Platz finden muss, um aus dem Berg unzähliger Einzelteile wieder eine Kirchenorgel zusammenzusetzen, die so klingt, wie in ihren besten Zeiten.

Die solide Dorforgel wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts von dem deutschen Orgelbauer Wilhelm Remler (1824-1896) gebaut, einem der bedeutenden Orgelbaumeister Berlins. Seine Handschrift tragen Orgeln in Berlin und Brandenburg, u. a. auch im uckermärkischen Potzlow.

"Das Besondere am Schmargendorfer Instrument ist, dass sie noch vollständig im Originalzustand erhalten geblieben ist", staunt Orgelbauer Harry Sander, der mit seinem Kollegen Andreas Müller die Orgel komplett in ihre Einzelteile zerlegte und in der Eberswalder Werkstatt runderneuerte. Vor allem die Zinn-Pfeifen sind inzwischen eine Rarität, wurden doch nach dem 1. Weltkrieg Kirchenorgeln regelrecht ausgeweidet, um das wertvolle Zinn einzuschmelzen. Die Pfeifen wurden meist aus minderwertigerem Zink ersetzt. "Entweder hielten die Schmargendorfer ihre Hand über das Instrument oder die Orgel wurde schlichtweg vergessen", mutmaßt Pfarrer Andreas Lorenz, der sich freut, dass mit der Orgelsanierung nun das I-Tüpfelchen der umfangreichen Komplettsanierung der Schmargendorfer Kirche gesetzt wird. Jahrzehntelang wurde das Instrument nicht gespielt, war völlig verschmutzt und verschlissen. Während der Komplettsanierung der Kirche vor fünf Jahren reifte in der Gemeinde auch der Wunsch, die Orgel wieder spielbar zu machen. Dafür sammelten die Schmargendorfer drei Jahre lang Spenden. So verzichteten Familien beispielsweise bei Trauerfeiern auf Blumenschmuck und zugunsten von Spenden für die Kirchenorgel. Die Sparkasse Uckermark stiftete 2600 Euro und auch die Kirche stellte Mittel aus dem Haushalt bereit.

"Es ist schön, dass wir jetzt wieder zu Konzerten und Feiertagen Orgelmusik hören können. Da hat das ganze Dorf Anteil daran, das geht nur gemeinsam", freut sich auch Ortsbürgermeister Wilfried Mercier.

Bis Heiligabend wollen die Eberswalder Orgelbauer das historische Puzzle wieder so weit zusammengesetzt haben, dass die Orgel nach Jahrzehnten erstmals wieder erklingen kann. Auch Gebläse und Motor sowie die Elektrik wurden erneuert. Komplett fertig wird sie allerdings erst im Frühjahr, weil einige Teile und Arbeiten die winterliche Kälte nicht vertragen. Die richtige Orgeleinweihung soll dann um die Osterzeit herum gefeiert werden, kündigt Pfarrer Andreas Lorenz an und hofft, dass es dann auch Orgelspieler gibt, die das Instrument bei Konzerten zum Klingen bringen.

Märkische Oderzeitung vom 12. Dezember 2010

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