WEIHE: Audienz bei Ihrer Majestät

Die Orgel in der Tüchener Kirche erklang dank Renovierung am Samstag nach vielen Jahren wieder

TÜCHEN - Königin. Majestät. Solche Worte fallen, wenn Pfarrer Hans-Dieter Kübler von der Tüchener Orgel spricht. Denn sie hat ihren Thron seit diesem Wochenende wieder besetzt: Die Orgel, die in den 1970er Jahren verstummte, klingt seit Samstag aufs Neue.Bevor es soweit war, läuteten zunächst die Glocken. Und es dauerte lange, bis sie verhallten. Das Kircheninnere wurde unterdessen von den Kerzen auf dem alten Kronleuchter in warmes Licht getaucht. Die Stimmung hatte sich dem Anlass der Orgelweihe angepasst.

Nach und nach kamen die rund 30 Anwesenden zur Ruhe. Sie ließen in der besinnlichen Stille die Schönheit der kleinen Fachwerkkirche auf sich wirken. Die Jahreszahl 1512 steht auf dem goldenen Altar, über dem eine Kanzel schwebt das Entstehungsjahr des Hauses. Die Kirche ist nicht hoch, nicht mal knapp drei Meter über dem Boden schließt sie mit einer Holzdecke ab.

Rund 20 000 Euro kostete die Renovierung der Orgel. Das ist viel Geld. Die Kirchengemeinde Tüchen steht finanziell aber gut da. "Wir haben auch keine Anträge auf Fördermittel gestellt", erklärt Edith Schröder. Sie ist die Kirchenälteste, wohnt keine 20 Meter vom Tüchener Gotteshaus entfernt.

Edith Schröder trägt ihre Haare unter einem Kopftuch zum Dutt gebunden. Bei einem Besuch am Sonntag, dem Tag nach der offiziellen Einweihung, als etwas mehr Zeit bleibt, sich das majestätische Instrument in Ruhe näher zu besehen, geht die ältere Dame schnellen Schrittes voraus, schließt die Tür des kleinen Vorbaus auf und warnt: "Kopf einziehen." Während man noch auf die Holzbalken achtet, welche die Decke stützen, wartet Edith Schröder schon im Kirchenschiff. Heute ist es kühl, die Wärme des Vortages ist verflogen.

Dafür fällt der Blick auf die Orgel: Majestätisch thronen die großen Prospektpfeifen an der Stirnseite des Gebäudes. Fast 40 Jahre hat es gedauert, bis das marode Instrument nun wieder klingen konnte: In den 1970er Jahren schlug ein Blitz in den Turm ein, zerschmettert ihn und hinterließ im Inneren der Orgel nichts als Zerstörung. "Viel ist nicht zu retten gewesen, hat man uns gesagt", erinnert sich Edith Schröder.

Sie hat sich mittlerweile aufgemacht in Richtung Empore. Dort oben, auf dem renovierten Aufbau, brennt eine Leuchtstoffröhre. Man muss sich dicht an der Wand entlang drücken, um zu Pedalen und Klaviatur der renovierten Orgel zu kommen. Edith Schröder hebt die Abdeckung an, darunter kommen die alten Tasten und Register zum Vorschein. "Schön, nicht wahr?", fragt sie und schaut auf das Instrument. Dann lacht sie und sagt: "Das wollte ich unbedingt noch erleben, bevor ich abtreten muss."

Tatsächlich schaut Edith Schröder kurz auf ihre Uhr. In Eile? "Naja, ich muss noch Mittag machen", antwortet sie mit entschuldigendem Schulterzucken. Sie dreht sich um und knipst das Licht aus. Edith Schröder lässt die Orgel in der stillen Tüchener Kirche allein für dieses Mal. (Von Fritz Habekuß)

Märkische Allgemeine vom 14. Dezember 2010

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