Gefiederte Gefährten aus dem Barock

TRADITION: Die Spendenaktion "Menschen helfen Engeln" soll auch in der Prignitz zwei Figuren zugute kommen

SCHÖNHAGEN - Interessiert legt Lena Schraut ihren Kopf in den Nacken und blickt aufmerksam in die luftige Höhe. Schwebend hängt dort über ihr ein farbenfroher Taufengel von der Kirchendecke. Sein mit Streublümchen bedecktes rot-blaues Gewand weht ihm um die nackten Beine, die Augen im jugendlichen Gesicht schauen verträumt in die Ferne, während er in seinen Händen anmutig eine lorbeerumkränzte Taufschale hält. Eingehend betrachtet die Wanderin das hölzerne Kunstwerk von allen Seiten und stellt fest: "Es ist unbeschreiblich. Mehr als hundert Taufengel habe ich mir schon in ganz Brandenburg angeschaut, und doch ist jeder wieder einzigartig. Mit ihrer Anmut und unschuldigen Ausstrahlung begeistern sie mich alle."

Dieses Mal war das Ziel der passionierten Berlinerin der gut erhaltene Cherubim (geflügeltes Wesen) in der Dorfkirche von Schönhagen (Stadt Pritzwalk). Nach einem Erlebnis während ihrer Augenkrankheit erkundet sie seit dem Jahr 2000, immer sonntags, allein oder in der Gruppe die insgesamt etwa 150 Berlin-Brandenburger Taufengel, die sie mit Bahn und Wandern erreichen kann. "Während einer vorübergehenden Blindheit hatte ich immer wieder einen Taufengel vor meinem Inneren Auge, den ich zuvor in einer Kirche gesehen hatte. Obwohl ich gar nicht gläubig bin, hat er mir Zuversicht gegeben."

So wie für Lena Schraut hatten Engel für die Menschen schon immer etwas Mystisches; Boten zwischen Himmel und Erde, sie gehören zur Umgebung Gottes und greifen in das Schicksal der Menschen ein. Nach dem langen Leiden des Dreißigjährigen Krieges und in der beginnenden Sinnlichkeit des Barock überall in den lutherischen Gebieten Deutschlands und Skandinaviens hat dies wohl unsere Vorfahren bewegt, Aufträge zur Erschaffung von Ebenbildern in Künstlerhand zu geben. Von Ostpreußen, wo die ersten Taufengel bereits Ende des 17. Jahrhunderts ihre Dienste versahen, breiteten sie sich nach Vorpommern, Brandenburg und Schweden aus. Während eines Jahrhunderts schwebte ein ganzes Engelsheer in die norddeutschen Kirchen. An Seilen und Gestängen konnten diese, zumeist aus leicht zu bearbeitendem Lindenholz gefertigt, zur Taufe hinabgelassen werden.

Manche wurden von begnadeten Künstlern geschaffen, andere entstanden in den Werkstätten einfacher Dorftischler. Doch mit dem Ende des 18. Jahrhunderts verschwand dieser Trend wieder. Die Engel aber blieben und sind bis heute geschätzter Bestandteil auch in Prignitzer Dorfkirchen obwohl die Häufigkeit ihres Gebrauchs durch zurückgehende Geburten und Taufen stark abgenommen hat. Denn Pfarrer und Gemeindemitglieder wissen von einer zunehmenden Zahl von "Engelfans" zu berichten.

Im Jahre 2006 wurden in einer Bestandserfassung des Brandenburgischen Landesamts für Denkmalpflege für die Prignitz 16 Engel erfasst. Ursprünglich könnten es mehr gewesen sei, denn durch Unachtsamkeit oder veränderte Auffassungen in der Glaubenspraxis verschwand so mancher Gefährte von seinem Platz.

Nicht alle Taufengel sind in einem so guten Zustand wie der Schönhagener Engel, der im Jahr 1995 fachgerecht konserviert wurde. Holzwurmbefall, abgebrochene Einzelteile und sich ablösende Farbschichten haben vielen Figuren zugesetzt. Mit der Spendenaktion "Menschen helfen Engeln" hat der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg 2010 erstmals eine Rettungsaktion ins Leben gerufen, bei der nun landesweit in jedem Jahr sechs Taufengel vorgestellt werden sollen, um Spenden für ihre Restaurierung zu sammeln. Von den 25 000 Euro, die im Jahr 2010 zusammenkamen, konnten 3000 Euro für den Taufengel in Freyenstein und 3500 Euro für den Schilder Cherubim an die Kirchengemeinden überwiesen werden, informiert Bernd Janowski, Geschäftsführer des Förderkreises.

Auch in diesem Jahr 2011 werden wieder zwei Prignitzer Engel Teil der Aktion sein. In den Kirchengemeinden Wutike und Berge ist die Hoffnung auf Unterstützung für die dortigen, stark restaurierungsbedürftigen Engel, groß.

Der Bildband "Taufengel in Brandenburg" erschien als Arbeitsheft des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege im Jahr 2006.

www.altekirchen.de (Von Susanne Liedtke)

Märkische Allgemeine vom 03. Januar 2011

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