Einladung ins stille Land

ELBE-ELSTER-KREIS. Das Projekt Kirchenstraße Elbe-Elster lernt laufen. Das Konzept steht, nun geht es an die Umsetzung. Vor wenigen Tagen hat Volkskundlerin und Kulturwissenschaftlerin Dr. Juliane Stückrad aus Eisenach Gemeindekirchenräten der Region, Pfarrern, Kommunalpolitikern und vielen weiteren Interessierten ihre Vorstellungen unterbreitet und stieß auf große Zustimmung.

 

Seit März vergangenen Jahres beschäftigt sich Juliane Stückrad damit, wie man die Kirchenstraße Elbe-Elster mit Leben erfüllt. »Mir geht es nicht so sehr um das Vermarkten. Vielmehr möchte ich, dass die Dorfkirchen als Ort des Glaubens ernst genommen werden. Es gibt kaum anderswo in Deutschland so viele authentische Kirchen auf engstem Raum wie in Südbrandenburg«, sagt die 35-Jährige. Als Städterin liebt sie die Atmosphäre der ländlichen Region. »Nirgends kann man Ruhe so erleben wie hier. Der Elbe-Elster-Kreis ist ein Land der Stille. Auch das passt zu unserem Projekt und zu den Touristen, die das Elbe-Elster-Land erkunden. Hier kann man innehalten«, sagt sie.

Juliane Stückrad hat eine enge Beziehung zur hiesigen Region. Nach Abschluss ihres Studiums im Jahr 2000 hat die gebürtige Thüringerin mehrere Jahre in Kleinrössen gelebt und an archäologischen Grabungsprojekten mitgearbeitet. Im vergangenen Jahr hat sie ihre Doktorarbeit über die Ethnografie des Unmuts am Beispiel der Bewohner des Elbe-Elster-Kreises geschrieben.

Der Auftrag, die Machbarkeitsstudie für die Kirchenstraße Elbe-Elster zu erarbeiten, hat sie von Anfang an begeistert, auch wenn sie keine Theologin ist. Was folgte, waren viele Gespräche mit Pfarrern, Mitgliedern der Kirchengemeinden und den Menschen in den Orten. »Ich habe mich in jede der am Projekt beteiligten Kirchen gesetzt und sie auf mich wirken lassen«, sagt Juliane Stückrad. Und immer wieder hat sie sich die Frage gestellt, was die Besonderheit des einzelnen Gotteshauses ist, was man den Menschen speziell zu diesem Haus erzählen kann. »Allein die Baugeschichte wäre zu wenig. Das könnten sich die Besucher kaum merken. Sie sollen etwas über die Kirche erfahren, woran sie sich auch später noch erinnern«, sagt die Wissenschaftlerin.

Da sind zum Beispiel die Kirche in Bönitz mit ihrer Lobetanz-Tradition zu Maria Heimsuchung, der Heilige Sigismund in der Prießener Kirche, der Wandel der Taufpraxis in Arenzhain oder der Kräutergarten in Oppelhain. Im Laufe ihrer Recherche haben sich verschiedene Themen herauskristallisiert, die sie den einzelnen Kirchen zuordnete. Neun Themen bilden den inhaltlichen Mittelpunkt der neun Kirchenwege. Die Kirche Löhsten als zehnter Punkt des Projektes wird als Autokirche fungieren.

Derzeit erstellt Juliane Stückrad die Texte für den Flyer über die Kirchenstraße und die Texte, die in den einzelnen Gotteshäusern für die Besucher aushängen sollen. Bis Ende März will sie damit fertig sein. Sie hat die Zuhörer ihrer Präsentation gebeten, ihr dabei zu helfen. »Viele Besonderheiten sind nur vor Ort bekannt. Es wäre schön, wenn sich die Gemeindemitglieder oder Chronisten mit mir in Verbindung setzen würden«, so die Wissenschaftlerin.

48 Kirchengemeinden beteiligen sich an dem Kirchenstraßenprojekt unter der Obhut des Vereins Wald- und Heideland. Sie müssen nun dafür Sorge tragen, dass das Projekt auch hält, was es verspricht. In erster Linie heißt das, die Kirchentür für die Touristen stets offen zu halten und auch andere Angebote der Region anzubieten. Vorbilder gibt es. Drei der Kirchen befinden sich auf sächsischem Gebiet. Hier zeigt sich die Anlehnung an die Mitteldeutsche Kirchenstraße, die für das Elbe-Elster-Projekt Pate stand und auch weiter bereit ist, die Brandenburger nach Kräften zu unterstützen.

Jetzt gilt es, das Projekt bekannt zu machen. Bis Ende Mai sollen die Flyer fertig sein. Einen Internetauftritt gilt es zu erarbeiten. Die Kirchenführerausbildung geht im Frühjahr weiter. »Es werden noch einige Monate vergehen, bis wir offiziell starten können. Aber wir sind auf einem guten Weg«, sagt Juliane Stückrad. Sie wünscht sich die Dorfkirchen als ein lebendiges Bilderbuch, in dem man lesen kann - in der Stille des Elbe-Elster-Landes.

Von Birgit Rudow

Mitteldeutsche Kirchenstraße ist Vorbild

SCHLIEBEN Zur Vorstellung der Machbarkeitsstudie für die Kirchenstraße Elbe-Elster begrüßten die Anwesenden auch Lysander Pötzsch. Der selbstständige Handwerker aus Dommitzsch ist ehrenamtlich Vorsitzender des Vereins "Mitteldeutsche Kirchenstraße" und unterstützt das Projekt Kirchenstraße Elbe-Elster.

Die RUNDSCHAU sprach mit ihm.

Herr Pötzsch, bitte kurz ein paar Worte zu ihrem Verein Mitteldeutsche Kirchenstraße.

Unser Verein hat sich vor zehn Jahren gegründet. Ausgangspunkt war die Sanierung der Wörblitzer Kirche. Von hier aus haben wir dann das Netzwerk errichtet. Das unterscheidet uns von der Kirchenstraße Elbe-Elster, die als Gesamtprojekt aufgebaut wird. Wir haben mittlerweile Kirchenwege im Sächsischen mit dem Radwanderweg rund um die Botschaft Wörblitz, den Wanderweg in der Elbaue rund um Torgau, im Wittenberger und Jessener Land, in der Dübener Heide und im Raum Bitterfeld in der Kulturlandschaft Goitzsche.

Unsere Leser interessiert vor allem, welche Erfahrungen Sie und Ihre Mitstreiter mit dem Projekt bisher gemacht haben.

Uns geht es darum, die Dorfkirchen aus ihrem Schattendasein zu holen, sie für die Menschen zu öffnen und sie die Ursprünglichkeit der Häuser erfahren zu lassen. Das wird vor allem dort sehr gut angenommen, wo aktiv in den Kirchengemeinden gearbeitet wird, auch mit Veranstaltungen. Unser Verein unterstützt auch die Kirchensanierung. In Sachsen und Sachsen-Anhalt sind die Förderbedingungen dafür etwas anders als in Brandenburg.

Welche Erfahrungen können Sie an die Protagonisten der Kirchenstraße Elbe-Elster weitergeben?

Das ist zum einen, immer den Kontakt zu den Kirchengemeinden zu halten und die Personen vor Ort mit einzubinden. Es muss aber auch eine zentrale Stelle geben, wo die Aktivitäten gebündelt werden. Und sie müssen breit publiziert werden. Das Projekt braucht eine große Wahrnehmung in der Öffentlichkeit.

Kann die Mitteldeutsche Kirchenstraße auch von der Kirchenstraße Elbe-Elster profitieren?

Sicherlich, wir haben eine solche Verbindung immer angestrebt und das Vorhaben deshalb auch sehr begrüßt. In Sachsen Anhalt gibt es die Stiftung »Entschlossene Kirchen« (Regionen nördlich der Elbe bis Wittenberg - d. Red.) und in Brandenburg den Förderverein »Alte Kirchen Berlin-Brandenburg«. Diese beiden Initiativen werden jetzt verbunden. Zwischen der Mitteldeutschen Kirchenstraße und der Kirchenstraße Elbe-Elster gibt es einige direkte Schnittstellen, an denen wir gegenseitig aufeinander aufmerksam machen. Und außerdem werden wir die Internetseiten und die Veranstaltungskalender verlinken.

Mit Lysander Pötzsch sprach Birgit Rudow.

Lausitzer Rundschau vom 29. Januar 2011

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