DANIELA WINDOLFF

Granaten reißen Löcher in Kirchenbänke

Schiffmühle/Neutornow (moz) Das Ende des Zweiten Weltkrieges jährt sich zum 66. Mal. Im Bombenhagel während der Schlacht um die Seelower Höhen und des Marsches auf Berlin wurden in der Region mehr als 30 Kirchen zerstört. Viele wurden schwer beschädigt, dazu zählt auch die Kirche Neutornow.

 
Kleinod: Von den Kriegsfolgen ist an der Neutornower Kirche nichts mehr zu sehen. Das schlichte Kirchenschiff wurde 1929 nach einem Dachstuhlbrand aufgestockt. Erst damals erhielt die Kirche ihre jetzige Gestalt.
© MOZ/Oliver Voigt

Noch heute erinnern die Löcher in den Kirchenbänken an die Granatsplitter, die 1945 an der Ostseite der Neutornower Kirche einschlugen. Die Russen vermuteten, dass sich im Turm ein Beobachtungsposten befand und nahmen die Kirche daher unter Beschuss. Das Gotteshaus thront sicher vor Hochwasser oberhalb des Dorfes und ist weithin zu sehen. Von dort schweift der Blick über die Alte Oder und ins Oderbruch. Heute ist von den Kriegsspuren nichts mehr zu sehen, denn die Kirche wurde nach der Wende umfangreich saniert. "Friede sei mit Euch" – der Spruch über dem Haupteingang verleiht der Hoffnung Ausdruck, dass sich dieses Geschehen nicht wiederholt.

"Im Dach klaffte ein großes Loch", blickt Otto Schmidt zurück. Der 72-jährige, langjähriges Mitglied im Gemeindekirchenrat, kann sich noch gut an den Beschuss in den letzten Kriegstagen erinnern. Im Zentrum Schiffmühles rund um die Kirche brannten sieben Häuser nieder. In der Kirche seien der Altar, der Altarfuß und jene Kirchenbänke zerstört worden, die um den Altar ein Geviert bildeten. Die Schäden im Inneren seien schnell behoben und das Dach wieder geschlossen worden, so Otto Schmidt. Ein Tischler ergänzte den Altarfuß, auch ein neuer Altar musste her. Die zerstörten Bänke wurde jedoch nicht mehr ersetzt.

Zu DDR-Zeiten gab die Kirche ein jämmerliches Bild ab. Für eine Renovierung hatte die Gemeinde kein Geld, an Fördermittel war gar nicht erst zu denken. "Sie war zwar immer benutzbar, es ging aber keiner mehr hin", sagt Otto Schmidt, der den Aufbau der Kirche nach der Wende maßgeblich begleitete. Lediglich zu Taufen und Hochzeiten stiegen die Schiffmühler gelegentlich hinauf in ihre Kirche.

Das wenige Mobiliar im Innern sei im Wesentlichen erhalten geblieben. Auch der graue Anstrich der Holzstücke mit der roten Umrandung seien immer so gewesen. "Die Kirchenbänke könnten jetzt mal wieder einen Anstrich vertragen", ergänzt Otto Schmidt. Doch dafür fehlt das Geld. Mit 120 Mitgliedern kann die Gemeinde Neutornow keine großen Sprünge machen.

Auf Geheiß Friedrichs II. wurde 1769 mit dem Bau des Neutornower Gotteshauses begonnen. Mit dem Aufsetzen eins Turmkopfes am 2. März 1770 war die Kirche fertiggestellt. Von den Anfängen berichtet Kenneth Anders, Vorsitzender des Neutornower Gemeidekirchenrats, in einer Moritat, die er beim Gemeindefest vor zwei Jahren verlesen wollte. Die Schrift blieb unveröffentlicht, weil ein Unwetter das Gemeindefest vorzeitig beendete: "Am Anfang war unsere Kirche ein einfacher Kasten, ohne Empore und ohne Turm – und ähnelte so beinahe den Herrnhuter Gemeindesälen in der Lausitz. Im Jahre 1877 vermeldet eine neue Schriftrolle im Turmknopf nun den Anbau des Turms: "Das walte Gott, Vater Sohn und hl. Geist! Unseren lieben Nachkommen und allen, die diese Schrift lesen, Gnade und Friede! Sinte mal und alldieweil der Bau dieses Kirchturms nunmehr durch Gottes Gnade so weit vollendet ist, dass am heutigen Tage der Knopf aufgesetzt wird, geben wir hierdurch Nachricht…"

Erst 100 Jahre nach dem Bau der Kirche wurde der Glockenturm, nach einem Entwurf von Gerhard Erbkam, errichtet. Wegen eines defekten Ofenrohrs brannte der Dachstuhl 1929 aus. Beim Wiederaufbau 1930 stockte die Kirchengemeinde das Gotteshaus um die Empore auf. Von außen ist der Aufsatz durch ein Gesims zu erkennen. Er gibt der Fassade ihre charakteristische Struktur.

Nach 1989 seien zunächst der Turm und dann das Kirchenschiff saniert worden. Mit Hilfe der Partnergemeinde in Pforzheim (Baden-Württemberg) konnte die Gemeinde die Sanierung schultern. Ein weiteres Pfund sei der Zusammenhalt der Neutornower Kirchengemeinde, die sich mit der Kirche voll identifiziert. "Hier bleibt nichts liegen, jeder packt mit an", schwärmt Kenneth Anders. Sei irgendwo ein Ziegelstein locker, dann sieht es einer und befestigt ihn wieder. Bei Arbeitseinsätzen auf dem Friedhof rund um die Kirche packen viele Schiffmühler mit an. "Unser Rekord war 16 Leute", so der Vorsitzende des Gemeindekirchenrates. Auf dem Friedhof liegt ein Prominenter: Louis Henri Fontane, der Vater des bekannten Schriftstellers Theodor Fontane.

Allein durch das persönliche Engagement der Bürger konnte die Uhr des Turms wieder repariert werden. Herbert Riegel, der einer der ältesten Familien des Dorfes entstammt, nahm sich des großen Zeitmessers an, berichtet Kenneth Anders. Er ließ die Uhr an Seilen herab. "Sein Nachbar zeichnete mit freier Hand das fehlende Teil des Minutenzeigers nach, so dass man das Stück bei einem Schlosser nachbauen lassen konnte", so Anders. Schließlich sei es angenietet worden. Einige Ersatzteile konnte Riegel in Berlin auftreiben. Danach wurde die Uhr wieder eingesetzt. Sie läuft bis heute. Otto Schmidt zog die Uhr täglich auf, jetzt hat diese Aufgabe ein 18-jähriger Schüler übernommen.

Improvisieren wird groß geschrieben in Neutornow. Der Pfeifenkasten der Orgel ist mit Sandsäcken ausgekleidet, die 1997 vom Hochwasser übrig blieben. "So was finden Sie woanders nicht!", ruft Otto Schmidt stolz aus. Ein Problem bleibt jedoch ungelöst. An dem Turm, nach der Wende schnell saniert, blättert Verputz aus Kunstharz wieder ab. "Doch dafür werden wir wohl kein Geld mehr kriegen", bedauert Kenneth Anders.

Märkische Oderzeitung vom 02. März 2011

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