Mühselige Operation

DENKMAL: Kanzel der Nauener St.-Jacobi-Kirche wird aufwändig mit dem Skalpell von weißer Farbe befreit / Lionsclub spendete gestern dafür Geld

 
Mit dem Skalpell befreit Annett Schulz das Bild von der weißen Farbe.
Foto: Andreas Kaatz

NAUEN - Vorsichtig, ganz vorsichtig schabt Annett Schulz die Farbe Schicht für Schicht vom Gemälde. Immer darauf bedacht, mit dem Skalpell das Sinnbild des Evangelisten Matthäus aus der Zeit um 1912 nicht zu beschädigen. Einige Fehlstellen bleiben trotzdem, die werden später eingetönt.

Schon seit mehr als einem Jahr ist die Restauratorin damit beschäftigt, die Kanzel der St.-Jacobi-Kirche in Nauen von ihrer weißen Farbe zu befreien. Die war zwischen 1960 und 1968 aufgetragen worden, als man den gesamten Innenraum des Gotteshauses farblich neu konzipiert hatte. Nun wird sehr aufwändig alles wieder entfernt. Mittlerweile kann man schon erkennen, wie die Kanzel einst aussah, als Paul Thol im Auftrag des Kirchenmalers Max Kutsch-mann die Sinnbilder der vier Evangelisten Markus, Lukas, Johannes und Matthäus gestaltet hatte. Auch die gotischen Elemente am Treppenaufgang der Sandsteingotik nachempfunden sind wieder zum Vorschein gekommen.

Die Restaurierung der Kanzel aus dem Jahre 1875 ist aber nicht nur mühselig, sondern kostet auch eine Menge Geld 22 000 Euro. Um so erfreuter war Pfarrer Matthias Giering, dass jetzt der Lions-club Nauen die Kirchengemeinde mit einer Spende von 1000 Euro unterstützt. Gestern wurde das Geld vom Lionsclub-Vizepräsidenten Jörg Barthel an ihn überreicht. Wie Barthel sagte, hatten die Lions unlängst dazu aufgerufen, dass sich Vereine oder Institutionen bei ihnen mit Projekten um Spenden bewerben. Daraufhin gab es 19 Anfragen, unter anderem von der Kirchengemeinde. "Auch viele Clubmitglieder kennen die Kirche, so wollten wir diesmal hier tätig werden", sagte Barthel.

Pfarrer Giering gefällt, was Annett Schulz bisher zutage gefördert hat: "Die Kanzel fängt als Möbel an zu sprechen." Wenn es die Finanzen erlauben, sollen in absehbarer Zeit auch das Gestühl und die Emporen neu gestaltet werden. Bereits 2009 hatte man den Altar aufwändig restauriert (MAZ berichtete).

Die Nauener Kirche aus der Zeit hat schon mehrere Umgestaltungen erlebt. Die heutige Kanzel stammt von 1875, als der gesamte Innenraum umgebaut worden war einschließlich Gestühl, Emporen und Orgel. Die Nauener Tischler Goern und Raunau bekamen den Zuschlag von der Stadt. "1875 hatte man die gesamte Kirche zudem mit einer Holzimitationsmalerei versehen", sagte Annett Schulz. Man wollte damit auch den Kiefer-Korpus der Kanzel etwas aufwerten. Aber schon um 1880 habe den Nauenern die schlichte Gestaltung, zu der auch graue Wände gehörten, nicht mehr gefallen. Waren sie doch jahrzehntelang in ihrer Kirche die Farbigkeit des Barocks gewöhnt. "Ende des 19. Jahrhunderts begann die Diskussion zur Umgestaltung", sagt die Restauratorin. 1912 wurden dann Nägel mit Köpfen gemacht und die Kirche neu ausgemalt. Die Wände waren gelbocker, das Gestühl fast schwarz, die Emporen hell.

Annett Schulz wird noch bis zum Jahresende brauchen, um die Kanzel fertig zu stellen. Schon jetzt aber kann sie sagen: "Der Kirche tut jedes Ornament gut." (Von Andreas Kaatz)

St.-Jacobi-Kirche

Die evangelische Kirche wurde im 14. Jahrhundert errichtet, ihr heutiges Erscheinungsbild stammt aus der Zeit um 1700. Nach dem Brand von 1695 war sie wiederaufgebaut worden.

Die Restaurierung der Kanzel kostet rund 22 000 Euro. Bisher gingen etwa 11 000 Euro an Spenden ein, weitere sind gern gesehen. Informationen im Internet: www.ev-kirche-nauen.de. ak

Märkische Allgemeine vom 15. April 2011

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