Fast so gut wie 1869

FEST: Gesell-Orgel in der Breddiner Kirche erklingt nach Restaurierung am Ostersonntag erstmals wieder

 
Jörg Stegmüller (r.) und Pfarrer Henning Utpatel begutachteten das neue Vorsatzbrett für die Klaviatur.
Foto: Sandra Bels

BREDDIN - Vier Tage hat Jörg Stegmüller noch Zeit. Dann muss er in Breddin mit der Arbeit fertig sein. Stegmüller ist Orgelbaumeister und hat die Orgel des Gotteshauses gereinigt, rekonstruiert und restauriert. Der Wilhelmshorster erledigte einen Großteil der Arbeit in seiner Werkstatt. Jetzt geht es jedoch an den Einbau der einzelnen Teile und der muss selbstverständlich vor Ort geschehen.

Am Ostersonntag soll das Instrument zum ersten Mal wieder klingen. Bis dahin hat der Meister weitestgehend den Urzustand von 1869 wieder hergestellt. Lediglich ein Register stammt noch von einem Umbau in der romantischen Zeit. Das sei laut Stegmüller kein Problem. "Das Original hat ähnliche Klangfarben", erklärt er. Deshalb passe das Register gut dazu.

Eine Woche lang schwang Stegmüller Sauger und Pinsel. Staub und Vogelkot mussten weg. Allerdings gab es noch ein Problem. Durch die Decke fiel Putz in die Pfeifen. Sie wurde mit einer Holzplatte abgedichtet, damit nichts mehr rieseln kann.

Dann ging Stegmüller die Restaurierung an. Ein großer Teil der Pedalklaviatur war zu erneuern. "Der Organist spielt ja nicht mit Ballettschuhen", so der Fachmann scherzhaft. Dieser Teil der Orgel sei durch die Schuhe der größten Belastung ausgesetzt. Ausgespielte Manuale wurden ausgetauscht. Stegmüller setzte neue Knochenplättchen auf. Ebenfalls restauriert werden mussten viele hölzerne Orgelpfeifen. "Bei einigen war der Wurmfraß so stark, dass man das Holz mit den Fingern eindrücken konnte", so der Fachmann.

In Sachen Rekonstruktion kam ein Pfeifenmacher dazu. Aus Englisch-Zinn wurden Platten gegossen und zu Pfeifen für den Orgelprospekt gebogen. Sie ersetzen die alten Zinkpfeifen, die 1920 eingebaut worden waren (siehe Infokasten). Für den Ton der Pfeifen war der Orgelbaumeister verantwortlich. Das Schneiden der Stimmrollen geschah in der Werkstatt. Dabei musste er sehr vorsichtig sein. "Zinn ist sehr empfindlich. Schweißnasse Hände hinterlassen unschöne Abdrücke", erklärt Stegmüller. Deshalb waren die Pfeifen gestern noch mit einer Schutzfolie versehen. Wenn die Orgel am Sonntag um 14 Uhr er-klingt, ist die Folie ab. Die Kirchengemeinde Breddin-Vehlgast hatte seit Dezember 2010 um Spenden für die Orgelpfeifen gebeten. Dabei kamen 8200 Euro zusammen. Für die Arbeiten gab es außerdem Zuwendungen der Gemeinde Breddin, vom "Aktion zur Rettung historischer Orgeln in Berlin-Brandenburg e. V." sowie aus dem Kollektenfonds der Union evangelischer Kirchen. Die Gesamtkosten belaufen sich auf knapp 18 000 Euro. (Von Sandra Bels)

Märkische Allgemeine vom 20. April 2011

   Zur Artikelübersicht