Petzow hat wieder eine "Königin"

KULTUR: Am Pfingstsonntag wurde in der Schinkel-Kirche die neue Voigt-Orgel eingeweiht

PETZOW - Als am Pfingstsonntag der prunk- und prachtvolle Klang der "Toccata und Fuge in d-Moll", des wohl bekanntesten Orgelwerks Johann Sebastian Bachs, das Kirchenschiff auf dem Grelleberg in Petzow erfüllte, war wohl selbst dem letzten Zweifler an einer Wiederbelebung der Empore der Wahrheitsgehalt des Sprichworts "Steter Tropfen höhlt den Stein" klar geworden. Viele der geladenen Gäste, die alle irgendwie als Kommunalpolitiker, Sachverständige, Mitglieder örtlicher Vereine, Spendensammler, Spender und Konstrukteure in das etwa zehnjährige Ringen um eine neue Orgel einbezogen waren, zeigten sich zutiefst berührt.

Da gründete sich einst ein Orgelaktiv, es wurden unter Mitwirkung von Experten Konzepte ausgearbeitet, Kontakte zu Werders Stadtverwaltung geknüpft, bei den Landräten immer wieder angeklopft, bei verschiedensten Veranstaltungen mit Sammelbüchse und Einzahlungsscheinen Spenden eingeworben, ja gar ein Spendenkonto eingerichtet, das zuletzt 45 000 Euro aufwies. Man kann viel ehrenamtliches Engagement dabei gar nicht hoch genug schätzen, und das taten dann auch Landrat Wolfgang Blasig, Kulturstaatssekretär Martin Gorholt und Werders Bauamtsleiter Axel Wolf in ihren Ansprachen ganz ausdrücklich.

Obwohl Petzows Kirche schon 1988 entwidmet wurde und seitdem in Erbpacht des Landkreises als Konzertsaal, Ausstellungsraum und Standesamt genutzt wird, ließ es sich Georg Thimme, Pfarrer der Werderaner Heilig-Geist-Kirche, nicht nehmen, die neue Zwölf-Register-Orgel aus christlicher Sicht in ihrer Wirkung auf den Menschen zu begrüßen.

Geschäftsführer Markus Voigt und an der "Königin der Instrumente" sein Vater Dieter von der gleichnamigen Orgelbaufirma in Bad Liebenwerda erweckten dann ihr klangvolles Werk zum Leben. Da war von Flöten- und Bassregistern die Rede, von unterschiedlichen Oktaven, von offenen und gedeckten Pfeifen. Vielfältige Töne füllten die Halle, mal glitzernd hell, mal flötig rund, mal zart streichend oder aufbrausend. Bei den tiefsten Tönen aus riesigen Pfeifen schien das Kirchenhaus zu schwingen und die Herzen der Zuschauer auch wie es Pfarrer Thimme deutlich gemacht hatte.

Für das Einweihungskonzert hatten die Veranstalter das Ensemble "Zeit für Barock" verpflichtet. An der Orgel Tobias Berndt, der unter anderem mit den Berliner Philharmonikern spielt. Begleitet wurde der Organist von Piccolo-Trompeter Hannes Maczey, Meisterschüler bedeutender Solisten des Trompetenfachs. Beiden gelang es, mit acht Stücken von Komponisten des 17. und 18. Jahrhunderts nachzuweisen, dass die neue Voigt-Orgel auch als kleineres Instrument in der Lage ist, den prächtigen Klang, die reichverzierte, phantasievolle Melodik und kraftvolle Rhythmik der Barockmusik dem Publikum nahe zu bringen.

Unter dem Eindruck des Konzerts erschien der zuvor von Landrat Blasig und seiner Kulturreferentin Doris Patzer ausgesprochene Dank an einige besonders aktive Mitstreiter des Orgelbaugeschehens sehr angebracht. Blumen und die pünktlich zur Einweihung erschienene Festschrift wurden unter anderem überreicht an die Orgelexperten Viola Mauve-Hönnecke und Andreas Kitschke, an den Heimatvereinsvorsitzenden Karl-Heinz Friedrich, die Konzertagentin Jutta Joachimsen, Petzows Ortsvorsteher Bernd Hanike und Technikmanagerin Lore Reiche. Gedankt wurde auch den nicht anwesenden Vereinsvorsitzenden Ute Fürstenberg und Detlef Denzer sowie der historisch mit Petzow verbundenen Pia Kühn von Kaehne. (Von Armin Klein)

Gegengewicht

Jürgen Stich über das Gelingen und das Scheitern in Petzow

Inzwischen ist es zu einem seltenen Ereignis geworden, dass eine Kirche eine nagelneue Orgel erhält. Die Petzower können sich glücklich schätzen: Sie werden in Zukunft den Klang des königlichen Instruments genießen dürfen, auch wenn es lange gedauert hat, bis die Investition von immerhin 175 000 Euro gesichert war. Wenn Kritiker meinen, der Landkreis sollte sein rares Geld in sinnvollere Projekte stecken, dann werden sie spätestens dann verstummen, wenn die Pfeifentöne Musikliebhaber aus der ganzen Region in den verschlafenen Ort ziehen werden. Konsequent pflegt der Landkreis, der die entwidmete Schinkel-Kirche in Petzow betreut, das kulturelle Erbe, soweit es ihm möglich ist. Denn während in der Kirche mit der neuen Orgel ein früherer Verlust ausgeglichen werden konnte, sieht es für das benachbarte Schloss immer trauriger aus. Die Verhaftung des vermeintlichen Glücksbringers Axel Hilpert, der das Herrenhaus zur Fünf-Sterne-Anlage ausbauen wollte, hat die Chancen auf Besserung weiter gemindert. Das Bauwerk verfällt zusehends, ein Käufer ist nicht in Sicht. Mit den Aktivitäten in der Schinkel-Kirche schafft der Landkreis ein Gegengewicht und zeigt, wie es gehen könnte. Privates Scheitern lässt sich damit aber nicht verhindern.

Märkische Allgemeine vom 14. Juni 2011

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