Frischzellenkur zum Jubiläum

Ziethen (moz) Villain, Rouvel, Dupont noch heute erinnern Namen an die Besiedlung der Gemeinde durch Hugenotten. Auch die Dorfkirche von Groß Ziethen trägt die Handschrift der französischen Glaubensflüchtlinge, die vor 325 Jahren in den Barnim kamen.

 
Eingerüstet: Im ersten Bauabschnitt wird der Kirchturm saniert.
© Soeren Tetzlaff

Bis zum großen Dorffest am 30. Juli werden die Baufirmen sicher nicht fertig. Aber Pfarrerin Heike Schulze ist schon froh, dass es mit der Kirchensanierung überhaupt in diesem Jahr geklappt hat. Aufgrund der Baufälligkeit war 2010 bereits ein Läutverbot ausgesprochen worden. In einem ersten Abschnitt wird derzeit der Turm des Gotteshauses restauriert. "Dort sind die Schäden einfach am größten", so die Pastorin.

Pilze und Insekten haben dem Gebälk des Fachwerks, das den Turmschaft bildet, in den vergangenen Jahrzehnten stark zugesetzt und das Holz zum Teil zerstört. "Die Schäden haben sich bereits bis an die Turmbasis heruntergezogen", erklärt Carsten Weber, Chef der gleichnamigen Holzmanufaktur, die zurzeit in der Kirche tätig ist. Bei der Sanierung "ringen wir um jedes Bauteil". Ziel der ersten Etappe sei es, den Turm, dessen Konstruktion aus dem Jahr 1717 stammt, originalgetreu wiederherzustellen "mit runden Schallluken, historischem Traufgesims sowie Biberschwanzeindeckung", so Weber.

Die Herausforderung für die Baufirmen liegt laut Dana Ratz von der Unteren Denkmalschutzbehörde im Objekt selbst. Bauen im historischen Bestand sei zumeist mit unbekannten Größen verbunden. Zudem seien historische Handwerkstechniken gefragt. "Und für eine Dorfkirche ist dieser Turm hier ungewöhnlich groß dimensioniert", so die Expertin. Zu den Besonderheiten des Groß Ziethener Gotteshauses zähle ferner das Vorhandensein dreier Glocken auf zwei Ebenen.

Im Herbst, so verrät Pfarrerin Schulze, soll der erste Bauabschnitt abgeschlossen werden. Zuvor werde man selbstverständlich in einem Festakt nach alter Tradition die restaurierte Turmbekrönung mit Dokumenten füllen. Als Mitte Juni die Bekrönung geborgen und geöffnet wurde, habe man "leider nur Gebrösel gefunden", bedauert die Pastorin.

Und worin unterscheidet sich nun die französisch-reformierte Kirche Groß Ziethen von einem Gotteshaus der lutherischen Kirche? "Rein äußerlich gar nicht", sagt Heike Schulze. Die Kirche Groß Ziethen sei mit ihrem Feldsteinmauerwerk eine ganz typische für diese Region, ergänzt Dana Ratz. Offenkundig werden die Unterschiede lediglich im Inneren. "In einer reformierten Kirche gibt es keine sakralen Möbel", erklärt Heike Schulze. Auch der Aufbau des Gestühls sei verschieden. Bei den Reformierten sei die Kanzel beispielsweise immer mittig angeordnet.

Finanziert wird der erste Bauabschnitt, der ein Volumen von rund 130 000 Euro hat, unter anderem mit Mitteln über den Staatskirchenvertrag. Und auch wenn das Gotteshaus am 30. Juli noch eingerüstet ist Ende des Monats feiern Kirchengemeinde und Dorfgemeinschaft zusammen die Hugenotten-Besiedlung der Gemeinde vor 325 Jahren.

"Wir werden neben unserer obligatorischen Mini-Playback-Show ein Schauspiel über die Einwanderung der französischen Glaubensflüchtlinge aufführen", kündigt Cheforganisatorin Dagmar Rouvel an. Laut Gemeindechronik soll Jean Manoury aus der Normandie 1686 der erste gewesen sein, der sich in Groß Ziethen niederließ. Die Einwanderung in die Gemeinde zog sich über etwa 40 Jahre hin. Mit dem Edikt von Potsdam hatte der Kurfürst den Hugenotten eine Reihe von Privilegien zugesichert, u. a. auf Gottesdienste in französischer Sprache. Neben den beiden Ziethen-Dörfern gehört auch Senftenhütte zur reformierten Kirchengemeinde.

Märkische Oderzeitung vom 17. Juli 2011

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