Baubeginn für eine Ruine

DENKMALE: Erster Spatenstich am Lindower Kloster / Der Efeu am Giebel soll weitestgehend verschwinden

LINDOW - Wo macht man den ersten Spatenstich für eine Ruine? Für eine Ruine, die auch nach der mehr als 400 000 Euro teuren Sanierung eine Ruine bleiben wird? "Sollen wir vielleicht das erste Efeu-Blatt abzupfen?", fragt Horst Borgmann, der vorsitzende des Stiftskapitels, in die Runde.

Die Lindower entschieden sich gestern für einen symbolischen Haufen Sand auf der Wiese zwischen Konventshaus und Wutzsee. Pfarrer, Bürgermeister, Amtsdirektor und Vertreter des Klosterstifts schippen ein paar Körner hin und her, ehe es an den Tisch mit dem Klosterlikör geht: "An so einem schönen, warmen Tag wirkt der auch ganz besonders", sagt Horst Borgmann. Der Likör ist eines von vielen Mitteln zum Zweck: Geld für die Sanierung des rund 780 Jahre alten, seit 373 Jahren verfallenden Klosters zu sammeln. Das Lindower Wahrzeichen soll als Denkmal, Ruine und nicht zuletzt Touristenmagnet erhalten bleiben, ehe die Mauern ganz einstürzen.

Horst Borgmann ist seit seiner Kindheit mit Lindow verbunden. Der Berliner ist zugleich Bausachverständiger und Laienprediger und als solcher hält er an diesem warmen Sommernachmittag die Andacht im Schatten der Klosterruine. Der Praedicant ist fasziniert von einer Bibelstelle aus dem Propheten Jesaja: "So spricht der Herr: Der Himmel ist mein Thron und die Erde der Schemel meiner Füße. Wo wäre denn das Haus, das ihr mir bauen könntet?"

Gott lasse sich nicht in eine Kirche einsperren so wenig wie Menschen erwarten können, Gott in einem Dom zu treffen wie in einem Museum, nur weil sie Eintritt dafür bezahlt haben, sagt Borgmann. Aber Gott habe den Menschen die Kraft gegeben, schöne Häuser für ihn zu bauen die Grabeskirche in Jerusalem genauso wie den Petersdom in Rom, das Straßburger Münster, die Lindower Stadtkirche und das Lindower Kloster. Von dessen Kirche gibt es nur noch die Grundmauern. Das Gebäude der heutigen Klosterruine diente den Nonnen als Wohnhaus.

Und doch schallen heute dieselben Lieder an die Klostermauer wie vor vielen Generationen. Gotteshäuser dienen den Menschen, die sich dort versammeln, um Gott zu ehren.

In Lindow diente das Kloster den Menschen auch auf weniger fromme Weise: Als Baustofflager für den Wiederaufbau der Stadt nach Feuersbrünsten. "Die Stadt hat sich viel bedient am Kloster", sagt der Lindower Amtsdirektor Danilo Lieske. "Nun ist es an der Zeit, dem Kloster etwas zurückzugeben." Allein schafft Lindow das freilich nicht: 408 784,60 Euro sind für die Sicherung der Ruine und des Kellers veranschlagt. Drei Viertel davon gibt es als Fördermittel von der Europäischen Union und dem Land Brandenburg. Den Rest musste das Klosterstift selbst auftreiben und schaffte es schließlich auch mit Hilfe des Landesausschusses für Innere Mission, der sich auf einen neuen Vertrag für das Altersheim auf dem Klostergelände einließ, obwohl er das nicht gemusst hätte (die MAZ berichtete).

Ein großes Lob gibt es von Horst Borgmann für die Architektin Susanne Geitz ("ein Glücksfall"), ohne die es die Fördermittel wohl nicht gegeben hätte. Bedingung für den Geldsegen ist ein Nutzungskonzept, das die Lindower selbst erarbeitet haben.

Besiegelt scheint wohl das Schicksal des meterdicken Efeus am Giebel des Konventshauses: Der sorge zwar dafür, dass die großen Steine nicht herunterfallen, er hole aber auch den Kalk aus den Fugen, sagt Susanne Geiz. Ohne den Efeu weitgehend zu entfernen, kommen die Bauarbeiter nicht an die Fundamente des Klosters, sagt die 36-Jährige. Denkmalgerecht und historisch sei der Efeu auch nicht er wachse dort erst seit den 1970er Jahren. Derzeit verhandeln die Lindower noch mit der Naturschutzbehörde. Denn der Efeu ist heute der einzige bewohnte Teil der Ruine: als Heim und Brutstätte für zahllose Tiere. (Von Christian Kranz)

Märkische Allgemeine vom 04. August 2011

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