Kaum saniert und schon nass

Bauen: Regenzeit gefährdet Dretzener Kirche und keiner will schuld sein

DRETZEN - Der Maurer will nicht schuld sein. Auch der Dachdecker besteht auf die Feststellung ordentlich gearbeitet zu haben. Und doch dringt Nässe ins Mauerwerk des Westgiebels ein. Die dunklen Flecken unter der neuen Schilfrohrdecke im Kirchsaal sind unübersehbar. Sie werden nach jedem Sommerregen größer. Dramatisch ist der Zustand in der Apsis. Die Wandfarben im frisch ausgemalten Altarraum beginnen zu verlaufen. Überall schlagen Wasserflecken durch. Es riecht muffig. Nicht besser sieht es auf dem Dachboden aus. Dort ist der Putz hofseitig unter dem Ortgang auf 30 Zentimeter Breite beidseitig nass. Die Aufzählung der Schadstellen ließe sich fortsetzen.

Sylke Schmelzer, kommissarische Gemeindekirchenratsvorsitzende, ist mit der Situation mehr als unglücklich. Sie befürchtet: "Das hält keine 50 Jahre." Sie hatte schon im Juli 2009 der Unteren Denkmalschutzbehörde ihre Bedenken über eine ihrer Ansicht nach "nicht fachgerechte" Ausführung der Dachanschlüsse, Kehlen und Traufbleche mitgeteilt. Auch die Kommune schaltete sich ein. Der Kirchenbau bildet nämlich mit einem angeschlossenen historischen Schulteil eine architektonische Einheit, auch Schul- und Bethaus (Dorfkirche des Monats Juli 2006) genannt. Beide Gebäudeteile ließen sich nur zusammen restaurieren. Ortsvorsteherin Janett Gobel mailte Hilferufe an die zuständige Denkmalpflegerin Dagmar Aehlich und den damaligen Bauplaner Wolfgang Schwarz vom Büro ibs aus Treuenbrietzen.

Was folgte, war eine provisorische Abdichtung der heiklen Stellen mit Folie. Doch das Unheil nimmt weiter seinen Lauf. Ex-Bauleiter Schwarz kann sich den Wassereinbruch nicht erklären: "Die Gewerke haben ordentlich gearbeitet." Er will sich die Schäden selbst ansehen. Der für den Denkmalschutz im Kreis zuständige Fachdienstleiter Gernot von Arend sieht das Amt Ziesar als Bauherrn in der Pflicht. Über ein zivilgerichtliches Verfahren müsse geklärt werden, ob Planungsfehler oder handwerklicher Pfusch schuld seien.

Wie Hans-Peter Bölke vom Bauamt Ziesar dem Landkurier sagte, soll es heute einen Vor-Ort-Termin in Dretzen geben, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Als sicher gilt, dass die Folienüberdeckungen an den beiden Giebeln durch Bleche ersetzt werden sollen. Auch für Bölke ist fast drei Jahre nach Bauabnahme die Ursache der Vernässungen noch nicht geklärt.

Während der Sanierung war das Amt Ziesar Bauherr über die Gesamtmaßnahme mit kommunalem und kirchlichem Teil. Neben den Eigenanteilen gab es Geld vom Denkmalschutz und 109 000 Euro Fördermittel vom Land. (Von Frank Bürstenbinder)

Kaputt saniert

Frank Bürstenbinder über den Zustand der Dretzener Kirche drei Jahre nach der Abnahme.

Es ist ein Jammer. Die einstige Kraftanstrengung von Kirche und Kommune zur Rettung des Dretzener Schul- und Bethauses droht zur halben Sache zu werden. Für über 100 000 Euro Fördermittel können Steuerzahler mehr erwarten als eine sanierte Tropfsteinhöhle. Während im Gemeindehaus, dem historischen Schulteil, offenbar alles dicht ist, macht sich das Regenwasser in der benachbarten Kirche ungehindert breit. Diese war vor der Sanierung einsturzgefährdet. Holzwurm und Hausschwamm hatten dem kleinen Gotteshaus zugesetzt. Nur so nass wie jetzt, war das Bauwerk nie. Fast drei Jahre nach der Abnahme ist unklar, wer schuld daran ist, dass der Kirchenbau kaputt saniert wurde. Es gibt weitere Merkwürdigkeiten. Noch immer ist das kleine Kirchlein ohne sein original Gestühl. Kirche und Denkmalschutz schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Der Ofen wurde ohne Abstimmung mit der Kirchengemeinde entfernt. Eine andere Beheizung gibt es nicht. Kein Vertreter der Kirche hat einen Schlüssel für den durchnässten Dachboden über dem Kirchsaal. Denn zu dem gelangt man nur über den kommunalen Gebäudeteil. Und vom Aufbau eines "Ländlichen Zentrums für regenerative Energien", dem eigentlichen Förderzweck, redet kein Mensch mehr.

Märkische Allgemeine vom 09. August 2011

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