Damit der Wurm nicht länger wurmt

HOLZSCHUTZ: Töpchins Gotteshaus wird dichtgemacht die Schädlingsbekämpfer leiten Gas ein

TÖPCHIN - Bevor die Schädlingsbekämpfer anrückten, trugen Pfarrer Sebastian Wilhelm und Inge Winter noch Kissen und Decken aus der Töpchiner Kirche. Denn in die wird jetzt ein giftiges Gas geleitet, das dem Holzwurm den Garaus machen soll.

Er ist vielleicht das eifrigste Gemeindemitglied, hat bei noch keinem Gottesdienst gefehlt, aber gleichzeitig das unbeliebteste der gefräßige Nagekäfer soll seinen Appetit nicht länger im Holz des Gotteshauses stillen. Wie ausgiebig er das bislang tat, ist überall in dem 117-jährigen Gebäude zu sehen. "Auf dem Boden findet sich immer wieder Holzmehl", sagt die Töpchinerin Inge Winter, die die kleinen Haufen regelmäßig beseitigt. Mehrere Bänke sind so weit und tief beschädigt, als hätte jemand mit dem Messer in sie hineingeschnitten.

"Das beeinträchtigt die Optik, macht uns immer wieder Arbeit, gefährdet aber auch die Statik, wenn sich der Wurm in tragendes Gebälk frisst", fasst der Pfarrer den Ärger zusammen, den ihm diese Art irdischer Heerscharen bereiten. Schon bald soll es damit ein Ende haben.

"Wir leiten Cyanwasserstoff in das Kircheninnere", beschreibt Andreas Föckel, Chef einer Bautenschutz-Firma aus Dresden, den Gegenangriff der Zivilisation. Zuvor dichten seine Mitarbeiter alle Spalten, aus denen das auch für den Menschen schädliche Blausäuregas nach außen dringen könnte, mit Folie ab. "Denn die Substanz ist hochkonzentriert, damit sie tief eindringt, Eigelege und Larven zerstört", betont Föckel.

"Nachbarn brauchen sich keine Sorgen zu machen", beruhigt Pfarrer Wilhelm, "sie können auch ihre Katzen und Hunde auf den Hof lassen." Die Dresdener Fachleute überwachen das Verfahren mit häufigen Messungen. Wenn die Aktion Anfang kommender Woche beendet ist, wird gelüftet. Töpchins Kirchgänger dürfen dann hoffen, für die nächsten Jahrzehnte vor dem Knistern im Gestühl verschont zu werden.

"Wir rufen jedermann dazu auf, unsere in diesen Tagen abgesperrte Kirche zu fotografieren", ergänzt Sebastian Wilhelm. "Das schönste Foto wird ausgezeichnet."

5000 Euro sammelte die Kirchgemeinde für die Vertreibung des lästigen Nagers. "Ich habe mich gefreut, dass so viel Geld zusammenkam", bekennt Hausherr Wilhelm. Auch Bewohner von Nachbarorten und Spender, die nicht zur christlichen Gemeinde zählen, öffneten ihre Börsen. Horst Sauerwald kreierte eine "Holzwurmaktie", die auf Festen und dem Weihnachtsmarkt zu 20, 50 oder 100 Euro ausgegeben wurde.

Teurer als die Wurmbekämpfung dürfte es werden, der alten Hollenbach-Orgel, die schon rund 50 Jahre keinen Ton mehr von sich gab, wieder Leben einzuhauchen. "Es wäre wunderbar, sollte uns auch das noch gelingen", meint Gottesmann Wilhelm. "Mit ihrer pneumatischen Traktur hat die Orgel Seltenheitswert und mich von Anfang an fasziniert", schwärmt er. Die Voraussetzung dafür wird jetzt erfüllt, wenn der Nagewurm nicht länger ihre Holzpfeifen wurmt.

Da Töpchins Kirchgebäude nun geschlossen ist, müssen auch die Jagdhornbläser wegbleiben. Sie hatten mit ihrem allwöchentlichen Musizieren die hungrigen kleinen Gesellen bisher in Schach gehalten. "Bei lauten Tönen verhalten sie sich nämlich still", hat der Pastor erfahren. "Deswegen hätten wir ihnen vielleicht auch mit einem ständig spielenden Kofferradio zu Leibe rücken können natürlich auf der Frequenz des Kirchensenders Radio Paradiso", wie er hinzufügt. Was wohl eine billigere, doch nicht ganz so wirksame Strategie gewesen wäre. (Von Klaus Bischoff)

Franziska Mohr staunt, was so ein knapp fünf Millimeter großer Gesell alles bewirkt.

Gewurmt

Der 117 Jahre alten Töpchiner Kirche hat der Holzwurm in den letzten Jahren kräftig zugesetzt. Möglicherweise erwies sich dieser kaum fünf Millimeter große Gesell sogar als das eifrigste Gemeindemitglied, hat keinen einzigen Gottesdienst, keine Taufe und kein stilles Gebet versäumt. Beliebt gemacht hat er sich dadurch allerdings nicht.

Möglicherweise gefährdet er gar die Statik, wenn er sich in das tragende Gebälk frisst. Da war guter Rat teuer. Doch findig wie die mit ihrem kleinen Ort eng verbundenen Töpchiner nun einmal sind, fanden sie einen Ausweg.

Dresdener Fachleute leiten jetzt hochkonzentriertes Cyanwasserstoff in die Kirche, mit dem auch Eigelege und Larven zerstört werden sollen.

Stolze 5000 Euro sammelte die Gemeinde, um den Wurm zu vertreiben. Für das kleine Töpchin ist dies eine gehörige Summe. Christen und Nichtchristen hat es gleichermaßen gewurmt. Sie alle verband das Ziel, die Kirche für die nachfolgenden Generationen zu erhalten. Sogar eine "Holzwurmaktie" mit Werten ab 20 Euro wurde kreiert und im Unterschied zum Auf und Ab an den Börsen mit Spitzenwerten verkauft. Die Kurve zeigte hier stets nach oben. Zumal nicht nur das Gebäude entwurmt, sondern auch die Dorfgemeinschaft ein weiteres Mal gestärkt wurde. 16

Märkische Allgemeine vom 18. August 2011

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