Im nächsten Jahr soll es losgehen

KULTUR: Bislang 78 420 Euro für Kirchturmspitze in Wittenberge gesammelt / Udo Schenk wieder dabei

WITTENBERGE Das Plakat mit der Kirchturmspitze und dem Bildnis von Dr. Kaminski aus der Dienstagabendserie "In aller Freundschaft" geht im Gewühl des Stadt- und Hafenfestes eigentlich unter, und doch machen die Flanierenden den unscheinbaren Mann aus, der über Stunden brav unter dem Sonnendach ausharrt, eine Doppelstulle aus dem Silberpapier auswickelt und auch mal in einen Apfel beißt.

Ein Passant ruft Udo Schenk zu: "Seien Sie doch nicht immer so zynisch." Womit er dessen Auftreten als Dr. Kaminski im Abendprogramm meint. Aber Udo Schenk findet umgehend die passende Entgegnung: "Aber gerade deswegen sehen Sie doch die Serie." Solch lockere Rede liegt Eva Erdmann aus Perleberg nicht. Sie spendet seit Jahren beim Stadtfest für den Aufbau der Turmspitze wie viele kommt sie, weil Udo Schenk die Spendenbüchse hält.

Warum macht er das eigentlich? Eine Frage, die der Schauspieler immer wieder gestellt bekommt. Und ganz im Gegensatz zu seinen Rollen als Bösewicht und Zyniker erleben die, die den Schauspieler ansprechen, ihn als einen freundlichen, einfühlsamen und geduldigen Menschen, mit dem man sich einfach gerne unterhält.

Die Turmspitze ist für ihn keine Sache der katholischen Kirche, schickt er voraus. Wie er berichtet, ist er evangelisch getauft. Obwohl Udo Schenk nach dem Abitur seine Geburtsstadt Wittenberge verließ, fühlt er sich ihr verbunden. Mehrmals im Jahr weilt er hier, weil seine Eltern noch heute in der Stadt wohnen. Es geht ihm aber nicht nur darum, etwas für seine Heimatstadt zu tun. Er denkt auch an Erlebnisse und Ereignisse, die ihn mit der katholischen Kirche verbinden, der er nie angehört hat. Als er 1959 in der Elbestadt in die Schule kam, so erinnert er sich, hatte er zwei Schulfreunde, die in die Kirchengemeinde gingen. Damals sei es noch üblich gewesen, dass die Gemeinde bei bestimmten Feiertagen in einer Prozession durch die Stadt zog. Das war Anlass für Sticheleien und war auch nicht gern gesehen bis die öffentlichen Prozessionen schließlich unterblieben.

Religion ist für Udo Schenk ein aktuelles Thema. In dem neuen ZDF-Fünfteiler "Der Heilige Krieg" zur Religionsgeschichte spielt er Wilhelm II., den letzten deutschen Kaiser, der sich intensiv mit dem Islam auseinandersetzte, sicher auch, um machtpolitische Interessen durchzusetzen. Der vierte Teil der Folge mit Udo Schenk ist am Sonntag, 28. August, um 19.30 Uhr zu sehen. Christentum, Judentum wie auch Islam sind seiner Ansicht nach eher dazu angetan, Menschen miteinander zu verbinden, nur werde dies durch machtpolitische Bestrebungen vielfach verhindert.

Natürlich ist im Trubel des Stadtfestes nicht viel Gelegenheit, um über solche Dinge zu sprechen, aber es kommt eben auch vor. Die Besucher wollen vor allem Dr. Kaminski sehen und ein Autogramm oder eine von Udo Schenk signierte CD erhaschen. Und sie wollen natürlich wissen, wann es denn weiter geht mit den neuen Folgen "In aller Freundschaft". "Das wird Mitte September sein", kündigt Udo Schenk an.

Seit vier Jahren hilft der in Berlin lebende Schauspieler nun schon "weil ich etwas für meine Stadt tun möchte" beim Sammeln für den Kirchturm. Günther Mikolasch, Vorsitzender des Fördervereins, meint, es sei zu spüren, dass Udo Schenk mit Leib und Seele dabei ist. So sei er nicht bloß Mitglied im Förderverein, er komme auch zu den Sitzungen, wenn es sich einrichten lasse. Natürlich weiß Günther Mikolasch, dass viele, die etwas in die Spendenbüchse tun, nur deshalb kommen, weil sie mit Udo Schenk fotografiert werden oder ein paar Worte mit dem bekannten Schauspieler wechseln möchten.

Am Samstag kamen 910 Euro zusammen, wobei ein Spender allein 100 Euro beisteuerte. Unterstützung kam auch von einem in München lebenden Wittenberger: Wolfgang Rawolle fertigte eine kleine Sonderedition seiner DVD "Wittenberger Zeitreise" an, die er dem Förderverein zur Verfügung stellte.

Aktuell stehen 78 420,91Euro für den Aufbau der 18 Meter hohen Turmspitze zur Verfügung, die am 10. April 1945 beim letzten Bombenangriff auf die Elbestadt zerstört wurde. Der Eigenanteil für das etwa 135 000 Euro teure Vorhaben ist damit weitgehend vorhanden. Günther Mikolasch ist sich sicher, dass es mit dem Bau im nächsten Jahr losgeht. Wittenberge bekäme dann neben Uhren-, Rathaus-, Wasser- und Stadtkirchturm seinen fünften Turm. (Von Michael Beeskow)

Märkische Allgemeine vom 23. August 2011

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