Dörrwalde hat jetzt einen Kirchturm

DÖRRWALDE Seit Mittwoch früh hat Dörrwalde (Dorfkirche des Monats Mai 2010) wieder einen Kirchturm. Ein mehr als 30 Meter hoher Kran hat die aus Holz gezimmerte Spitze auf den zuvor gemauerten Turm gesetzt 36 Jahre nachdem der alte Kirchturm dem Bergbau weichen musste.

 
Das Dachgebälk für den Kirchturm in Dörrwalde ist am Mittwochmorgen unter den interessierten Augen zahlreicher Zuschauer eingeschwebt.
Foto: Steffen Rasche/str1

"Das ist schon ein erhebendes Gefühl", sagt Astrid Subatzus und blickt fasziniert zur Turmspitze. "Nach so langer Zeit, und nach so viel Hin und Her." Auch Annett Pfitzmann ist gerührt. Gemeinsam sind sie gekommen, um zuzuschauen, wie der riesige Kran die noch nackte Spitze auf den Sockel setzt. Später werden sie sich gemeinsam mit anderen Frauen aus Dörrwalde zusammensetzen und eine Richtkrone flechten. Ab Freitag soll sie den Rohbau des Kirchturms schmücken. Grünzeug aus dem ganzen Ort tragen sie dafür zusammen. Es wird ein Gemeinschaftswerk, so bunt wie die Helfer und Unterstützer des Kirchturmbaus. Denn längst nicht alle von ihnen haben etwas mit Kirche am Hut. Mit ihrem Kirchturm aber schon. So wie Manfred Hamann. "Ohne ihn hätte das alles nicht funktioniert", ist sich Dorothee Lange-Seifert, die Großräschener Pfarrerin, sicher. "Er war jeden Tag auf der Baustelle, hat nach dem Rechten gesehen und mit angepackt." Während sie das sagt, zückt Manfred Hamann die Kamera. Er hält jede Szene des Kirchturmbaus fest. Für die Chronik. Seit er vor fast zwei Jahrzehnten ins Dorf gezogen ist, kennt er sich aus mit Geschichte und Geschichten. Und seit im Oktober 2010 der Wiederaufbau des Kirchturms begonnen hat, ist er dabei.

Das wird auch so bleiben, wenn das Richtfest am Freitag vorbei ist und ab Montag das noch blanke Holz eingedeckt wird. Aus Schiefer werden die Dachziegel sein, so wie auf vielen Bauernkirchdächern in der Lausitz. "Bis zum nächsten Sommer haben wir mit den restlichen Arbeiten Zeit", erzählt Dorothee Lange-Seifert. Ihr ist heute ein Stein vom Herzen gefallen. "Den Rest schaffen wir auch noch", sagt sie jetzt. Da schwingt auch ein bisschen Trotz mit, der so manchem ewigen Skeptiker im Ort gilt. "Das schaffen die nie", war da öfter erklungen. "Und manchmal waren wir tatsächlich kurz davor, aufzugeben." Als immer wieder neuer Papierkram über sie kam. Oder als die Kosten ihr Angst machten. Oder so manch eine Behörde eher zum Verhinderer statt zum Dienstleister zu werden drohte. "Da habe ich gedacht: Deckel drauf und Schluss." Doch immer wieder gab es auch Leute, die weiterhalfen: Der Kirchenkreis, der bei der Finanzierung Rückhalt gibt, die Stadt Großräschen, die unkompliziert bei Grundstücksfragen half. "Und vor allem viele Leute im Ort", sagt die Pfarrerin. Erst am Dienstagabend haben die Mitglieder des Dorfvereins Arbeiten an der Fassade ausgeführt. Ein guter Grund, Freitag Nachmittag darauf anzustoßen, meinen die Pfarrerin und ihr Gemeindekirchenrat. Der Kirchturm werde seinem Anspruch gerecht: Er bringt Leben ins Dorf.

Zum Thema:

Zur Geschichte. Den alten Turm, der weit übers flache Land zu sehen war, hatte die Kohle verschluckt: Das wegen der Tagebaue abgesenkte Grundwasser hatte ihm Anfang der 70er-Jahre seine Standfestigung geraubt, sodass er im Januar 1975 abgerissen wurde. An eine Reparatur oder den Wiederaufbau wagte damals niemand zu denken. Dörrwalde sollte es ohnehin nicht mehr lange geben. Der ganze Ort sollte wie Bückgen in der Nachbarschaft auch von den Kohlebaggern verschlungen werden. 1994 haben die Dörrwalder begonnen, die Kirche Schritt für Schritt innen zu sanieren. Zum 600. Dorfjubiläum im Sommer 2010 setzten sie den ersten Spatenstich für den Wiederaufbau des Kirchturms. hs

Von Heidrun Seidel

Lausitzer Rundschau vom 22. September 2011

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