Sanierung abgebrochen

KIRCHEN: Dach verschlang sämtliche Reserven / Geburtstagsparty der Seegefelder Kirche auf 2015 verschoben

 
Frisch eingedeckt, doch noch immer bedürftig: die Seegefelder Kirche. Sie ist das älteste Bauwerk von Falkensee.
Foto: Konrad Radon

FALKENSEE - Das älteste Falkenseer Bauwerk – die Seegefelder Kirche – hat ein funkelnagelneues Dach. Doch der Innenraum ruft nachdrücklich nach einer Renovierung. In einer Wand sitzt der Schwamm. Die Fenster müssten erneuert werden, aber die Bleiverglasung würde schwer ins Geld gehen. Auch Belüftung und Heizssystem müssen noch warten: Der Gemeinde ging das Geld aus, denn das "Dach Gottes" bedurfte nicht, wie ursprünglich angenommen, nur einer Schönheitsreparatur. Obwohl erst vor 20 Jahren repariert, musste es im Vorjahr gänzlich neu aufgebaut werden. Während der letzten Instandsetzung überwog offenbar der gute Wille gegenüber dem Sachverstand.

Somit verschlang der neuerliche Kraftakt das ganze Geld, das für die Trockenlegung des Gemäuers, für Fenster, Türen und Heizung angespart worden war. Nun hätte die Gemeinde gerne Gartenland an die Stadt verkauft, um wieder flüssig zu sein. Aber da spielt die Landeskirche nicht mit: "Was wollt ihr mit diesem Ertrag, wenn euch das Geld für die Fortführung fehlt?"

Dieses Argument will Pfarrerin Gisela Dittmer nicht einleuchten: "Es würde uns wieder ein Stück weiterbringen." Mit dem Architekten Gerhard Schlotter war ein Mann gefunden worden, der die Neugestaltung des Innenraumes inklusive Neuordnung des Interieurs und Freilegung der spätmittelalterlichen Fresken womöglich für 350 000 Euro umsetzen und auch Finanzierungwege aufzeichnen würde. "Doch das ist nun erst einmal abgebrochen", konstatiert die Pfarrerin. Resignation indes liegt ihr fern.

Stattdessen regte sie an, derweil etwas für die Restaurierung des Geschichtsbewusstseins zu tun. "Die allermeisten Falkenseer wissen gar nicht, was sie hier besitzen", sagt die Pfarrerin mit Blick auf die Historie der Kirche. Bisher ging man stets davon aus, dass im Jahr 2013 das 700-jährige Bestehen des mittelalterlichen Feldsteinbaus gefeiert werden würde, der im Laufe der Jahrhunderte mehrfach erweitert und umgebaut worden war. Denn aus dem Jahr 1313 stammt der erste schriftliche Nachweis über die Existenz einer Kirche und eines Pfarrers in Seegefeld. "Seitdem war Seegefeld ein Pfarrdorf. Doch davor gab es die Kirche auch schon. Da hatten Benediktinerinnen des Klosters Spandau das Seegefelder Gotteshaus wie auch andere in der Region mit Wein und Oblaten beliefert und die Menschen missionarisch betreut", weiß die Pfarrerin. Als Lateinkundige hatte sie die Urkunden jener Zeit Wort für Wort übertragen und kam zu dem Schluss, dass die Kirche auch schon 1265, bei der Ersterwähnung des Dorfes "Segeuelde", bereits existiert haben muss. Warum also nicht 2015 das 750-Jährige mit dem alten Dorf Seegefeld feiern? Außerdem konnte die Pfarrerin eine ältere Dame aus ihrer Gemeinde gewinnen, in den Archiven nach weiteren Spuren der Ereignisse zu fahnden, um eine Chronik zusammenzutragen, die Hand und Fuß hat. "Denn durch die Teilung unseres Landes im vorigen Jahrhundert sind leider viele Informationsflüsse unterbrochen worden", bedauert die Theologin. Insofern war sie höchst erfreut, dass vor wenigen Tagen Dietrich von Ribbeck aus München – ein Nachfahre des osthavelländischen Zweiges derer von Ribbeck – in der Kirche zu Gast war. Er überreichte ihnen die gebundene "Geschichte der Familie von Ribbeck" (Bonn 1984). Denn schließlich war es eben dieses Rittergeschlecht, das das Gut Seegefeld am ausdauerndsten regiert hatte – von 1572 bis 1818. Wer mehr über die osthavelländischen Ribbecks in Seegefeld erfahren will, ist morgen bei der Nacht der offenen Kirchen willkommen. (Von Hiltrud Müller)

24. September: Nacht der offenen Kirchen in Falkensee

Eröffnung: 18.30 Uhr ökumenischer Gottesdienst Ev. Kirche Finkenkrug.
Programm in den Kirchen ab 19.30 Uhr jeweils stündlich bis 23 Uhr.
Ev. Kirche Finkenkrug, Pfarrer-Voigt-Platz: Macht der Lichter – Lieder und Gebete aus Taizé.
Ev. Gemeindezentrum Heilig-Geist, Weberallee: Ausstellung des Malers Bernd Martin, Gedichte, Gespräche. Ab 22.30 Uhr Gospelmusik mit The Singers.
Ev. Kirche Seegefeld, Bahnhofstraße 54: 750 Jahre Kirchengeschichte Seegefeld, architektonische und geschichtliche Entdeckungsreise, Führungen halbstündlich durch Turm und Kirche, Orgelmusik.
Ev. Kirche Falkenhagen, Kirchstraße: Klassische Kurbel, Philharmonische Meisterwerke auf der Konzertdrehorgel, von Bach bis Bartok.
Katholische Kirche "Sankt Konrad", Ringpromenade: Führungen durch das neue Gemeindezentrum.
Freie ev. Gemeinde, Bandelowstraße 42: Kurzfilm "Spent"
Ev.-Freikirchliche Gemeinde, Scharenbergstraße: Lange Nacht der Jugendbands.
Adventistengemeinde Finkenkrug, Am Wildpark 3: Kunstausstellung und Gespräche mit Ingo Wellmann.
Abschlussandacht mit The Singers: 23.30 Uhr Heilig-Geist-Kirche, Weberallee.

Hiltrud Müller findet, dass die Seegefelder Kirchengemeinde die Fest-Frage richtig entschied

Entspannt feiern

Eine Nacht der offenen Kirchen hat sich jetzt erstmals auch in Falkensee angekündigt. Das Stadtjubiläum macht’s möglich. Denn vor dieser Kulisse erwartete man im Rathaus, dass auch die Glaubensgemeinschaften das Festprogramm bereichern mögen. Doch bei Lichte besehen, war es für die Christen alles andere als ein Freudenjahr – jenes Jahr 1961, als die Mauer Familien und Kontakte zerriss. Und niemand war getröstet, als Wochen später den Falkenseern mit der Ernennung zur Stadt ein Trostpflaster verabreicht wurde. Dennoch stellen sich 50 Jahre danach die Kirchen nicht abseits. Sie sehen den Grund zum Feiern nicht im Gestern, sondern im Heute. Sie sind dankbar, dass sich diese Stadt im Aufwind befindet. Und mit ihr ihre Kirchen. So ein Zulauf – sowohl in der Masse als auch in der Klasse – war selten. Das stimmt froh. Doch wer als Geistlicher in diesem Ort Verantwortung trägt, ist ob der Fülle der Aufgaben genötigt, mit seinen Kräften zu haushalten. Pfarrer sind nebenbei Bauherren, Kita-Betreiber oder Kulturhausleiter oder alles zugleich. So kann man es nur begrüßen, wenn sich die Seegefelder Gemeinde sagt: Weniger ist mehr, lasst uns das Kirchenjubiläum gemeinsam mit dem Dorfjubiläum von Seegefeld 2015 feiern – entspannt und womöglich in einer sanierten Kirche.

Märkische Allgemeine vom 23. September 2011

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