Ausfahrt: Seele tanken

Werbellin (MOZ) Eine Million Menschen jährlich nehmen sie in Deutschland: die Ausfahrt zum "Rastplatz für die Seele". Immer mehr Autobahnkirchen gibt es hierzulande. Unter den inzwischen fast 40 schätzen gestresste Reisende das kleine Werbelliner Gotteshaus als besonderes Kleinod. Im Anliegenbuch gibt es sogar einen Eintrag auf Japanisch.

 
Offene Kirche: In Werbellin sorgt sich Silvia Schickor – gemeinsam mit 16 Familien – um das Gotteshaus. Das Foto zeigt sie in der Kreiskirchenausstellung "Barnimer Kirchen und ihre Hüter".
© MOZ

Die Tür fällt sanft ins Schloss. Vom Turm ein Knacken. Ein Schritt? Ist da noch jemand? Stille. Es war wohl nur die Arbeit des Holzes im Treppengebälk. Einen knappen Kilometer entfernt tobt der Verkehr, eine Blechschlange rast hinauf in Richtung Ostsee, die andere gen Berlin. Tausende brettern die A 11 entlang; in dem Haus mit der hölzernen Eingangslaube bleibt es ruhig. Hundert Prozent Entschleunigung. Nur zur vollen Stunde steigt der Geräuschpegel. Im Kircheninneren klingt die Wucht der Glocken fast so laut wie ihr Geläut.

Deutschlandweit mögen eine Million Menschen den Abstecher aus dem Stressverkehr nehmen. In Werbellin kann es vorkommen, dass ein Besucher das kleine Gotteshaus stundenlang für sich allein hat. "Manchmal kommen fünf, sechs an einem Tag", berichtet Siegfried Madel. Dann passiert wieder Tage gar nichts. "Wir merken’s an der Klingelbox", meint der 76 Jahre alte Werbelliner.

Madel hat eine besondere Beziehung zu dem Kirchlein. "Wir haben schon unsere grüne Hochzeit dort gefeiert", sagt seine Frau Christa. Madels begingen auch ihr goldenes Ehejubiläum an Ort und Stelle, Kinder und Enkelkinder wurden dort getauft. Gemeinsam mit dem damals für Werbellin zuständigen Pfarrer Carsten Rostalsky setzte sich Madel für die Öffnung als Autobahnkirche ein. Als es soweit war, vor zehn Jahren, zählte die Werbelliner Kirche zum damals knappen Dutzend Autobahnkirchen bundesweit.

Inzwischen gilt Madels Tochter Silvia Schickor als erste Hüterin der 1914 geweihten Kirche. Eigentlich aber "macht das halbe Dorf mit", wie Siegfried Madel erklärt. "Wir staunen, dass das so angenommen wird", fügt er an. Denn von den 16 Familien, die reihum für jeweils eine Woche die Schlüsselgewalt übernehmen und dann sieben Tage am Stück vor acht aus den Federn sein müssen, ist die Hälfte gar nicht gläubig. Aufgeschlossen ist die Kirche täglich von acht Uhr am Morgen bis acht am Abend. Das ist eine der Anforderungen an eine Autobahnkirche, genau wie die Distanz von maximal tausend Metern zur Autobahn.

Passiert ist noch nie etwas, auch nichts weggekommen, sagt Siegfried Madel. Nur einmal brannte eine Kerze, die rechtzeitig entdeckt wurde. Wenn etwas auffällig ist, ist auch jemand zur Stelle. Die Werbelliner hüten ihren Schatz. Dass es ein großer Schatz ist, können sie auch dem sogenannten Anliegenbuch entnehmen. Kleinod, Juwel, "die wirklich allerhübscheste Kirche", Oase oder "wunderbare Insel der Stille" nennen Besucher ihn. Längst nicht nur Autofahrer und Gläubige halten dort gern Rast. Einträge stammen von Paddlern, Radlern, Bewohnern der Nachbardörfer, schlicht Architekturinteressierten. Nicht alle verewigen sich. Trotzdem zählt das Buch schon mehrere Hundert Einträge. "Einer wurde sogar auf Japanisch verfasst", sagt Pfarrer Ulf Haberkorn. Der Besucher kam aus Osaka. Mal finden sich französische, spanische, polnische Einträge. Mal heißt es "Jesus rockt’s!" Manche zeugen davon, dass die Gäste in der Kirche musizierten, ganz für sich allein. Einige berichten von Leid – wie im Falle des Mannes, der "auf der Fahrt einer großen Verzweiflung" um die Rückkehr seiner Frau bittet, oder der Frau, die Schlaganfall, Autounfall, die Drogenkrankheit ihres Kindes, den Tod des Mannes überlebte.

Märkische Oderzeitung vom 25. September 2011

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