Pinselstriche am Engelsgewand

DENKMAL: Bis zum Advent soll die Niebendorfer Kirchendecke restauriert sein

NIEBENDORF - Mit schwingenden Flügeln steht der Engel am blauen Himmel. Braun-graue Wolken türmen sich neben ihm. Im imaginären Wind lässt der Engel ein weißes Friedensband flattern während eine zarte Pinselspitze seine blaue Tunika wieder in Form bringt.

"Wir haben jetzt ungefähr Halbzeit. Die Hälfte der Fläche ist geschafft", sagt Thoralf Herschel. Der Berliner ist seit 20 Jahren Restaurator und derzeit mit den Arbeiten am Deckengemälde der Niebendorfer Kirche beauftragt. Die wertvolle Malerei an der Holzdecke der Kirche weist mehrere schadhafte Stellen auf, an denen Wasser durch das früher undichte Kirchendach trat. Das Gemälde wird nun dank vieler Spendengelder und Sponsoren einer Generalüberholung unterzogen.

In einem ersten Schritt wurde die Decke gereinigt, dabei sicherte der Restaurator die alten Farbschichten aus Knochenleim. Nun sollen noch viele kleinere Ausbesserungen erfolgen, um im Ergebnis wieder ein stimmiges Gesamterscheinungsbild ohne optische Störstellen zu schaffen. Außerdem kümmter sich ein Holzrestaurator um das Trägermaterial. Er befestigt lockere Holzplanken wieder am Tonnengewölbe und ersetzt beschädigte Holzteile.

"Die Niebendorfer haben etwas ganz Besonderes hier. Die Decke ist wirklich außergewöhnlich", sagt Thoralf Herschel mit fachmännischem Blick. Gemeinsam mit seiner Frau arbeitet er oft bis spät in die Nacht in der kleinen Kirche. Dabei läuft ausschließlich klassische Musik aus dem Radio im Hintergrund. "Das hilft doch sehr dabei, eine ruhige Hand zu bewahren, und passt toll zu der barocken Malerei mit den schönen Engeln", sagt Christel Herschel. Es sei sehr selten, dass sich eine so kunstvoll ausgeschmückte Decke in einer kleinen Dorfkirche findet. "Bemalte Holzdecken gibt es nicht selten, meistens mit floralen Ornamenten. Aber eine komplette Deckenkomposition mit Figuren und Wolkenmalerei in einer Dorfkirche ist wirklich sehr selten in Brandenburg", berichtet Thoralf Herschel aus seiner beruflichen Erfahrung.

Der einstige Auftraggeber wusste offenbar ganz genau, was er wollte und verfügte über ein großes Kunstverständnis, vermutet der Restaurator. Bei dem Auftraggeber handelt es sich wahrscheinlich um den damaligen Niebendorfer Gutsbesitzer Johann Heinrich von Berger. Auf ihn geht auch der größte Teil der barocken Ausstattung der Nachbarkirche in Waltersdorf zurück. Die dortige Malerei fertigte Joseph Gerlach an. Zu der sehr ähnlichen Deckenmalerei in Niebendorf konnte bislang kein Künstlername gefunden werden. "Angesichts der stilistischen Übereinstimmungen zur Decke in Waltersdorf liegt es aber auf der Hand, dass es sich um denselben Maler handelt", sagt der Fachmann. "Das dortige Gemälde ist nachweislich von Gerlach und 1754 entstanden", sagte er. Niebendorf könne ihm ebenfalls mit großer Sicherheit zugeschrieben werden und ist, so vermutet er, sogar noch ein paar Jahre früher entstanden. "Wahrscheinlich hat der Gutsbesitzer Berger zuerst die Kirche in seinem Dorf ausmalen lassen, und dann die des Nachbardorfes", sagte Herschel.

Bis zum 1. Advent (27. November) sollen die Arbeiten abgeschlossen sein. Dann ist eine große Einweihungsfeier mit Orgelkonzert in der Kirche zur Wiedereröffnung geplant. Das Deckengemälde aus dem Niebendorfer Gotteshaus wird im kommenden Jahr im neuen Kalender 2012 der Deutschen Stiftung Denkmalschutz vertreten sein. Dort wird es gleich als erstes Bild im Jahr dem Januar ein barockes Antlitz geben. (Von Kathrin Burghardt)

Märkische Allgemeine vom 11. Oktober 2011

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