Seltene Architektur für eine hiesige Dorfkirche

KIRCHE: Kerzendorfer bewahren gemeinsam ihr Gotteshaus

KERZENDORF - Die Kirche in Kerzendorf ist eine erstaunliche. Mit ihrer Architektur im neoromanischen Stil passt sie nicht in die Reihe unserer Dorfkirchen vergeblich sucht man Feldstein und kleine Eingangspforte. Stattdessen gibt es ein zweiflügliges Eingangsportal aus Eiche und Ornament verziertem rheinischen Sandstein, Säulen getragene Rundbogenfenster aus dem gleichen Material.

Das Gotteshaus wurde am 10. November 1897 geweiht, der Vorgängerbau an gleicher Stelle war abgebrannt. Die Glocke stammt noch aus dem 14./15. Jahrhundert. Architektur und Einrichtung sind dem Patron Paul von Schwabach zuzuschreiben. Der jüdische Bankier und Diplomat, konvertiert zum christlichen Glauben, hatte das Gut übernommen und den Kirchenbau in Auftrag gegeben. Die Decke im Inneren ist ein eichenes Tonnengewölbe, seitlich mit Malerei bunter Blumenranken abgeschlossen, so hoch, dass man sich winzig vorkommt. Auch Kirchengestühl und Orgelempore sind aus Eiche. Die Kerzendorfer lieben ihre Kirche. Nicht nur die 90 registrierten Christen, stolze 50 Prozent der Einwohner. Zu Dorffesten wird regelmäßig für den Erhalt des Baus gesammelt, und wenn es anzupacken gilt, legen Kommune und Christen gemeinsam Hand an.

So eigen wie das Gotteshaus ist auch seine Gemeinde, findet Pfarrer Bernd Schewe. In vergangenen Tagen mal von Wietstock, mal von Löwenbruch aus "regiert" in Kerzendorf gibt es kein Pfarrhaus , ist man nun mit eigenem Budget und organisatorisch selbstständig. Drei Kirchenälteste arbeiten mit Schewe gemeinsam. Sie sind stets einsatzbereit, wenn sie gebeten werden und achten auf solide Finanzen, beschreibt der Pfarrer die Mentalität. Darum müssten sie manchmal zu ihrem Glück getragen werden. Beispiel: Das neue Kruzifix, das sich mit dem runden Querholz so gut einpasst, und die neue Orgel, die nach der malermäßigen Instandsetzung innen vor etwa zwei Jahren kam. Irgendwie waren die Kanzel und die große Orgel samt Prospektpfeifen nach dem Krieg verschwunden, nur der schöne hölzerne Rundbogen auf der Empore erinnert noch an sie. Schewe hatte ein kleines hochwertiges und günstiges Instrument angeboten bekommen und musste dafür viel werben. Doch nun sind die Kerzendorfer froh über die robuste und voll tönende Orgel. Denn obwohl zu den Gottesdiensten die Winterkirche ausreicht, sind zu Ostern, Weihnachten und besonderen Anlässen die Reihen in der großen Kirche gut gefüllt und die Besucher erfreut über den Orgelklang. Die Winterkirche wurde vor Schewes Zeit geschaffen. Durch eine Mauer war der Raum vom ehemaligen Kirchenraum abgespalten worden, der Blick der Besucher geht nun statt durch ehemals schön verzierte Fenster auf den Altar. Der ist ebenso wie die nebenstehende Kanzel schlicht gemauert und höchstens zweckmäßig zu nennen.

Außer dem Gottesdienst gibt es zurzeit wenig Gemeindeleben. Der Sanierungsplan, den man vor etwa drei Jahren beschloss, wird abgearbeitet. Weil staatliches Fördergeld ausblieb eben mit eigenen Mitteln, was länger dauern dürfte. Leute wie der rührige Kirchenälteste Lothar Dunkel packen dann öfter selbst an. Und gerade meldeten sich zwei junge Frauen, die mit Kindern zu Weihnachten ein Krippenspiel auf die Beine stellen wollen. Es scheint, als gebe es doch Lust auf mehr Kirche im Dorf. (Von Andrea von Fournier)

Märkische Allgemeine vom 16. November 2011

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