Holzwurm im Harmonium

KIRCHE: Klein-Kienitzer Gotteshaus vermittelt ursprünglichen Charme

KLEIN KIENITZ - Die Dorfkirche von Klein Kienitz ist so etwas wie ein Geheimtipp: ein schnörkelloses, kleines Bauwerk der Einwohnerschaft von 150 Menschen angemessen , das noch sehr ursprünglich wirkt.

Der Feldsteinbau mit einer Grundfläche von knapp 17 mal acht Metern wird auf die Zeit um 1300 datiert. Im hölzernen Turm versieht eine Glocke mit elektrischem Läutewerk den Dienst. Der südliche Anbau einer "Priesterpforte" aus dem 18. Jahrhundert war in den 1940-er Jahren noch nachweisbar, ist jetzt aber verschwunden. Die Klein-Kienitzer waren eine selbstständige evangelische Gemeinde. "Doch so klein, dass vor etwa 50 Jahren schon mal die Schließung oder ein Abriss in Erwägung gezogen wurde", erinnert sich Peggy Boenisch, die ihr Leben im Ort verbrachte und sich schon lange um die Kirche kümmert.

Die Uhr funktioniert bis heute nicht

Zum Glück passierte beides nicht. Aus den zehn Kirchenmitgliedern wurden nach der Wende über 20. Doch nur eine Hand voll Betagter vermisste das sonntägliche Ritual des Gottesdienstes, als zwischen 1992 und 1995 gar keiner mehr stattfand.

1995 sahen sich Mitglieder der Gemeinde und des Gemeindekirchenrates (GKR) Groß Machnow, zu dem nun auch Klein Kienitz gehörte, das schlafende Gotteshaus an. Das Dach undicht, ein Balken verfault. Unter Ägide des GKR-Vorsitzenden Klaus Rocher entschloss man sich zur Sanierung und Wiedernutzung. Über 150 000 Euro flossen bis 2001 in die Bauarbeiten, der größte Teil von der Kirchengemeinde Groß Machnow/Klein Kienitz aufgebracht. Es war keine Edelrestauration, sondern eine vernünftige, behutsame Instandsetzung. Das Erneuern von Dach und Balken sowie des Glockenturms waren zuerst fertig. Seit 1997 schlägt die Kirchenglocke wieder, die Uhr funktioniert allerdings bis heute nicht. Fensteranstrich und Putzarbeiten folgten. Vieles erledigten die Christen selbst, manch Handwerker packte unentgeltlich an, sponserte Material. Kabelgräben für die Strahler zur Illumination der Kirche schaufelten Mitglieder des Fördervereins selbst. So scheint auch hier die Allgemeinheit froh, dass das Gotteshaus im Dorf blieb.

"Ich habe einen Schmückfimmel"

Die Kirche ist das älteste Gebäude im Ort. Im Innern finden sich ein sehenswerter Barockaltar, ein Priester- und Patronatsgestühl sowie eine schön ausgemalte Kanzel mit Haube. Peggy Boenisch erinnert sich noch, als dieser Schalldeckel über der Kanzel bedrohlich dem Absturz nahe war. Jetzt kann man den Innenraum ohne Sorge in Augenschein nehmen.

Viele Holzteile könnten wieder neue Anstriche vertragen. An der Westseite gibt es eine Empore, auf der man die Orgel vermutet. Die gab es hier nie, stattdessen ein Harmonium, das Peggy Boenisch mit ihrem Mann im Sommer ins Freie trug wo es vor Holzwurmbefall förmlich zerbröselte. Anderes Holz war infiziert und musste chemisch behandelt werden. Zu Ostern, Pfingsten, Himmelfahrt, Erntedank und Weihnachten gibt es wieder Gottesdienste, die der Rangsdorfer Pfarrer Christian Pagel hält. Selten gibt es ein Konzert. Das wird wirklich behaglich, wenn Besucher auf dem neuerdings beheizbaren Holzgestühl zusammenrücken. Peggy Boenisch ist Kirchenälteste und kümmert sich um Schaukasten, Blumen und Ordnung, im Sommer hilft ihr Wolfgang Retzlaff beim Rasen- und Heckenschnitt. Demnächst ist die Weihnachtsdeko fällig "ich habe einen Schmückfimmel", gesteht sie. Zwei Tage vor Heiligabend stellt sie die Sitzheizung an, damit die Temperatur im Raum des Holzes wegen nicht mehr als ein Grad pro Stunde steigt. Und Heiligabend wird es bestimmt wieder richtig voll. (Von Andrea von Fournier)

Märkische Allgemeine vom 30. November 2011

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