Neue alte Pfeifen

KIRCHE: In Vielitz erklang am Sonntag erstmals wieder die mit Spenden finanzierte restaurierte Orgel

VIELITZ - Bis auf den letzten Platz ist die Vielitzer Kirche am Sonntag gefüllt. Unter den Kirchgängern sind diesmal besondere Gäste. Orgelbauer Christoph Rühle ist zur Feier des Tages mit seiner Familie und den Mitarbeitern seiner Moritzburger Orgelbaufirma angereist heute soll die sanierte Orgel feierlich eingeweiht werden.

Für die Gemeinde und ihren Pfarrer Ulrich Baller ist es ein ganz besonderer Tag. "Sie haben uns mit Ihrer Arbeit und Ihrem Sachverstand das Geschenk des heutigen Tages gemacht", sagt er zu Beginn des Gottesdienstes an die Gäste gerichtet und stimmt den Choral "Nun danket alle Gott" an. Vorläufig zum letzten Mal singen die Vielitzer ohne Orgelbegleitung hören auf die kräftige Stimme ihres Pfarrers.

1789 baute der Berliner Orgelbauer Julius Ernst Marx das Instrument, deren wichtigste Bestandteile im März diesen Jahres die Reise nach Moritzburg antraten. In den vergangenen Monaten überarbeiteten die Orgelspezialisten die Innenpfeifen, führten Arbeiten an der Windlade aus, veränderten die Tonmechanik und ersetzten die alten Prospektpfeifen aus Zink durch neue Pfeifen. Diese bestehen nun wieder aus der ursprünglichen Zinn-Blei-Legierung. "Zum Glück war uns die Zusammensetzung des Materials bekannt", sagt Christoph Rühle. Für den 31-jährigen Chef der Orgelbaufirma war die Restaurierung dieser Orgel schon etwas Besonderes. "In Brandenburg gibt es höchstens 30 Orgeln, die vor dem Jahr 1800 gebaut wurden. Die Orgelfachleute stimmten die Orgel während der Restaurierung um einen halben Ton höher, als es gebräuchlich ist. Heutige Instrumente werden meist auf eine Frequenz von 440 Hertz gestimmt. In früheren Jahrhunderten stimmte man die Orgeln regional unterschiedlich und oft auch höher als 440 Hertz, so wie die Vielitzer Orgel. "Nach dem zweiten Weltkrieg hatte man die Tonmechanik umgehängt und die Pfeifen umgestimmt", sagt der Orgelbauer. "Das haben wir jetzt rückgängig gemacht." Für die Vielitzer hat das zur Folge, dass sie nun so wie ihre Vorfahren einen halben Ton höher singen müssen. "Heute ist es immer mehr üblich, bei Restaurierungen die Orgel auf die historische Stimmung umzustellen", sagt Christoph Rühle. Für die Zuhörer wird es erst kritisch, wenn der Organist ein Stück mit vielen Vorzeichen spielt. "Dann kann die Orgel schon ganz schön schräg klingen", fügt der Orgelsachverständige Klaus Eichhorn hinzu, der an diesem besonderen Tag das Instrument zum Klingen bringt.

Zur Feier des Tages gibt es neue Gesangsbücher und Worte, die aus einer Bibel von 1703 gelesen werden. Dann ist der große Moment gekommen. Hell und strahlend erklingt die Orgel Klaus Eichhorn spielt ein Präludium von Heinrich Scheidemann. "Nicht schlecht, was?" sagt Pfarrer Baller. Der Applaus der Gemeinde gibt ihm Recht. (Von Cornelia Felsch)

Märkische Allgemeine vom 05. Dezember 2011

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