Himmlischer Geselle: Verschollener Taufengel ziert wieder Niebendorfer Kirche

Niebendorf (DPA) Es war reiner Zufall: Verborgen unter einer dicken Schuttschicht wurde ein wahrer Schatz auf dem Dachboden der Kirche in Niebendorf (Teltow-Fläming) geborgen. Ans Licht kamen mehrere Holzteile - Rumpf, Arme, Beine, Hände, zerbrochene Flügel sowie ein Kopf mit erloschenen Augen. Es waren Fragmente von zwei Taufengeln. Sie boten einen jämmerlichen Anblick.

 
Lange verschollen: Der Taufengel schwebt wieder in der im 13. Jahrhundert erbauten Kirche in Niebendorf.
© dpa

Wer die himmlischen Gesellen auf dem Dachboden untergebracht oder versteckt hatte, ist bisher unklar. Selbst die ältesten Niebendorfer hatten noch nie etwas davon gehört. Jetzt ist einer der Engel wieder an seinem Platz und schwebt in lichter Höhe unter dem Gewölbe.

Zu verdanken ist dieses kleine Wunder der Aktion "Menschen helfen Engeln" und dem Engagement vieler Niebendorfer. Bereits im dritten Jahr sorgen sich der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg, das Landesamt für Denkmalpflege und die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz um Taufengel. Seit Start der Aktion 2009 wurden rund 43 000 Euro für jährlich sechs Taufengel zur Restaurierung bereitgestellt. In Brandenburg gibt es etwa 1400 Dorfkirchen, in denen 150 Engel mehr oder weniger gut erhalten sind.

"Für Engel oder Schutzengel interessieren sich heute immer mehr Menschen", sagt Hans Krag, Mitglied im Vorstand des Förderkreises Alte Kirchen. Normalerweise erwarten die Menschen in schwierigen Situationen Beistand von den Himmelsgestalten. "Nun ist es oft umbekehrt", sagt er. "Viele Spender entscheiden sich aus einem ganz persönlichen Gefühl heraus für ihren Engel und übernehmen eine Patenschaft oder stellen Geld bereit." Dann können die lädierten Skulpturen wieder fachmännisch restauriert werden.

Die hölzernen Figuren mit menschlichem Antlitz tragen gemalte Gewänder und große Flügel. Sie schwebten früher über dem Kind und hielten in den ausgestreckten Armen die Schale mit Taufwasser. Nach einer Blüte im 18. Jahrhundert verschwanden sie aus den Kirchen. Die Taufschalen standen nun auf Steinen. Mittlerweile haben die Taufengel auch eine kunsthistorische Bedeutung: "Sie sind ein Beleg für die Fertigkeit und Meisterschaft der damaligen Künstler und Handwerker", wie Krag erzählt. Jetzt müssen sie sorgsam restauriert werden.

Almut Niklowitz kann sich der Faszination des am Kirchenhimmel schwebenden Engels kaum entziehen. "Das Gefühl ist kaum zu beschreiben", meint die Kirchenälteste sichtlich bewegt. Geboren und getauft in Niebendorf, ging sie zu DDR-Zeiten in den Westen und lebt nun wieder im Ort ihrer Kindheit. Gemeinsam mit Mitstreitern hat sie den Dorfbewohnern und sich selbst mit der Restaurierung des Engels ein schönes Weihnachtsgeschenk gemacht. Der eine Flügel, der sich beim Hochziehen des Himmelsboten an die Kirchendecke löste, soll bis Weihnachten wieder an der angestammten Stelle sein.

Die Dorfkirche bietet aber noch eine andere Überraschung. "Sie hat eine außergewöhnliche Ausstattung, es gibt wenig Vergleichbares", sagt Kirchenältester Gerd Queißer. Das Gebäude, im 13. Jahrhundert schlicht aus Feldsteinen errichtet, birgt im Inneren eine prächtige Ausstattung. Pfarrer Joachim Boekels schwärmt: "Für eine lutherische Kirche ist sie schon sehr bunt."

Das Auge kommt kaum zur Ruhe, bleibt immer an neuen Details hängen. Da erstaunen der geschnitzte Altar, gekrönt von einem Nest, in dem ein Pelikan mit seinen drei Jungen sitzt. Auf der erhöhten Kanzel steht eine große Eieruhr, die dem Pfarrer zeigt, wie die Zeit bei der Predigt verrinnt.

Heute können gut 100 Gläubige an monatlichen Gottesdiensten teilnehmen. Das Gotteshaus öffnet sich aber auch regelmäßig für Konzerte. Gertrud Lehmann, geborene Niebendorferin, freut sich jetzt erst mal auf Heiligabend. Dann wird beim Gottesdienst zum ersten Mal seit gut 200 Jahren wieder ein Engel dabei sein. Und einen ersten Kandidaten für die Taufe hat sie auch schon im Blick.

Märkische Oderzeitung vom 13. Dezember 2011

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