Auch Engel werden geliftet

Die Tradition der Taufengel in protestantischen Kirchen war lange vergessen. Jetzt werden sie wiederentdeckt. Holger Kreitling hat sie besucht.

 

SPENDENHILFE

"Menschen helfen Engeln"

Fragen Sie nicht, was Engel für Sie tun können, fragen Sie lieber, was Sie für Engel tun können. Die Aktion "Menschen helfen Engeln" wurde 2009 von verschiedenen Grppen gestartet. In der Adventszeit werden Spenden gesucht, um jeweils sechs Taufengel restaurieren zu können. Im Internet ist die Aktion unter www.altekirchen.de.
Spendenkonto: Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V., Konto 51 99 76 70 05, Berliner Volksbank, BLZ 100 900 00, Stichwort: Taufengel.

Engel können fliegen und die Menschen beschützen, Engel kennen den Himmel und die Erde, oh ja, sehr gut sogar. Engel mögen seit dem Mittelalter auf einer Nadelspitze Platz finden, sogar in Gruppen, jedenfalls wenn es um theologische Spitzfindigkeiten geht. Wir wissen so viel über Engel. Aber gegen irdische Sorgen sind manche Engel trotzdem nicht gefeit.

Dies ist die Geschichte von Verfall und arger Wurmstichigkeit. Von Exil und schnöder Dachbodenexistenz. Eine ganze Schar von Engeln in Berlin und Brandenburg wurde über 150 Jahre wie Nachtschattengewächse behandelt, fiel dem Vergessen anheim, ist das nicht gemein? Trotzdem - gute Nachricht! - die Rettung ist nah, besonders in Brandenburg. Und dazu müssen Engel unter anderem mit Botox behandelt werden. Im Folgenden geht es also überraschenderweise neben dem protestantischen Glauben und glücklichen Pfarrern auch um plastische Chirurgie. Normalerweise ist der Berufsstand in der Kritik. Diesmal ein Halleluja den Schönheitsoperateuren!

Um die vergessenen Taufengel von Berlin und Brandenburg anzusehen, führt der Weg nach Wünsdorf, südlich von Berlin. Die ehemaligen Kasernen der Sowjetarmee sind hübsch umgebaut, hell und hoch, die Gänge wirken ein wenig aseptisch, wie in einem Krankenhaus, und in gewisser Weise ist es das ja, auch wenn "Brandenburgisches Landesamt für Denkmalpflege und archäologisches Landesmuseum" am Türschild steht. Werner Ziems ist Restaurator, er betreut die Taufengel. Gerade sind drei in Behandlung. Ziems führt in einen Raum mit Stahlregalen, dort hängt ein hölzerner Engel ohne Arme, der aus Agrogen in der Niederlausitz stammt.

Auf einem Wagen liegt ein weiterer Torso, diesmal aus Ringenwalde, gut eineinhalb Meter lang und recht wuchtig. Eigentlich sind Engel geschlechtslos, bei diesem sind überraschend entblößte Brüste zu sehen. Dann steht da noch eine Kiste aus Pressspan, darin liegt ein Kopf. Die Wangen sind prall, der Blick ein bisschen skeptisch, was vielleicht daran liegt, dass die Nase fehlt und im Mundwinkel ein Loch prangt, groß genug, um eine Zigarettenspitze hineinzustecken. Aber Engel rauchen natürlich nicht; nicht mal im Dauerwartezustand. Hunderte winziger Löcher weisen darauf hin, dass der Holzwurm ganze Arbeit geleistet hat. Unter dem Kopf befinden sich Einzelteile in der Kiste. Ein Fuß samt Knöchel liegt dort. Ein Stück des Arms. Weitere Stücke in Papierverpackung.

Die Engelteile stammen aus Niebendorf, ein bedeutender Fundort in der jungen Geschichte der Taufengel-Wiederkehr. Aber zunächst stellt sich die Frage: Was um Himmels Willen sind eigentlich Taufengel?

Taufengel waren im Barock in norddeutschen protestantischen Kirchen groß in Mode. In Pommern, Schlesien, Sachsen, auch in Schleswig-Holstein, in Dänemark und Schweden gab es sie. Der Protestantismus hatte überhaupt nichts gegen Engel, im Gegenteil. Martin Luther schrieb anerkennend über die Mittler zwischen Himmel und Menschen. "Wenn der Schutz der lieben Engel nicht wäre, würde kein Kind zu vollkommenem Alter erwachsen, obwohl die Eltern allen möglichen Fleiß anwendeten."

Die Taufengel hingen ungefähr ab 1700 an den Kirchendecken, sie trugen in der Regel Kränze in den Händen. Dort hinein kam die Taufschale. Die Barockzeit war prunkvoll und sinnenfroh, alles sollte theatralisch sein. Die hölzernen Figuren wurden also bunt bemalt. Manche Engel zeichnen sich durch üppige weibliche Formen aus, andere haben deutlich Kindergesichter.

Der Clou der Taufengel ist ihre Beweglichkeit. Sie waren mit Rollen und Gewichten verbunden, konnten deshalb von der Decke herabschweben. Großes Kino: Vom Himmel hoch, da komm ich her! Zur Taufe flogen die Engel zur Erde herab, das Taufwasser wurde in die Schale gefüllt, und die Kinder damit getauft. Dann, schwupp, zurück an die Decke.

Es gibt die Theorie, dass die Aufzug-Idee der zunehmenden Enge geschuldet war. Zuvor hatte die Gemeinde in der Kirche gestanden, nun kamen Bänke und Emporen dazu. Das ist eigentlich als Erklärung zu prosaisch. Taufengel sind doch kein Klappbett.

Jedenfalls dauerte die hohe Taufengel-Zeit recht kurz. Mitte des 19. Jahrhunderts verschwanden sie wieder aus den Kirchen. Der Glaube veränderte sich, wurde nüchterner, da war für den Spuk der auf- und niederfahrenden Engel kein Platz mehr. Einige kamen in die Museen der Städte und Dörfer, im Märkischen Museum in Berlin sind etwa elf Stück aufbewahrt. Weil man auch vor 150 Jahren keine Engel weggeworfen hat, wanderten viele in Keller und auf Dachböden, in Lagerräume, Schuppen und sogar auf Kohlenhalden. Bald erinnerte sich niemand mehr daran. Außer die Holzwürmer natürlich. Die freuten sich. Und hatten mit dem weichen Lindenholz gut zu tun.

Vor 20 Jahren fuhr eine Berlinerin durch Brandenburg und suchte die Taufengel. Dorothee Lauffs war Professorin für Kunstgeschichte, sie interessierte sich privat für die Figuren. Sie fand Spuren, machte Fotos. Später bekam das Brandenburgische Landesamt ihren Nachlass. 2005 forschte das Amt systematisch. Oft waren die Funde reiner Zufall. In Buchau bei Ziesar steht neben dem Pfarrhaus ein Holzschuppen. In einem strengen Winter vor ein paar Jahren ging das Holz zur Neige. Da entdeckte der Pfarrer ganz hinten einen Taufengel. Insgesamt konnten in Berlin und Brandenburg 150 Taufengel gefunden werden, weitere 50 sind bekannt, gelten als verschollen. In Berlin hängt nur ein einziger Taufengel in der Kirche, in der Dorfkirche von Blankenburg. In der Hand hält die blonde Figur ein Spruchband: "Lasset die Kindlein zu mir kommen".

Werner Ziems machte seinen größten Fund 2008. In Niebendorf im Kreis Teltow-Fläming begutachtete er die Holzdecke der Kirche. Neben der Orgel auf der Empore gibt es eine Klappe. Ziems, 55, hob die Klappe an, stellte sich auf eine wacklige Leiter und sah auf den Dachboden. Er beschwört noch heute sein Staunen und sein Finderglück. Zunächst waren nur Schutt und Steine zu sehen, Dach- und Holzreste. Chaos, sagt Ziems. Aber er konnte ein Stück Schnitzwerk erkennen.

Vorsichtig trat er auf den zerfressenen Boden, begann mit der Taschenlampe zu suchen. Er fand den Rumpf einer Holzfigur, einen halben Arm und einen Kopf. Damit nicht genug. Nahe der Dachschräge lag ein zweiter Rumpf. Und weitere Teile. Im Dunkeln ließ sich das nicht feststellen, später wurde deutlich, dass es zwei Taufengel sind, die vom gleichen Handwerker geschnitzt worden waren. Vermutlich stammt eine Figur aus der Kirche des Nachbarortes, die nur noch Ruine ist.

Das Niebendorfer Engel-Geschwisterpaar wurde in Wünsdorf sortiert und restauriert. Ziems zeigt den Kopf mit der fehlenden Nase und den vielen Löchern. Die Teile sind mit Kunstharz getränkt, um den Verfall aufzuhalten. Hier kommt der Botox-Trick ins Spiel. Mit Kanülen wird das Harz in die Löcher gespritzt und unter die Haut gebracht. So wird der Teint wieder glatt. Dann beginnt ein Schönheits-Schnitzwerk. Einer der Taufengel bekam auf dieser Weise neue Arme und eine Kopf-Kopie, auch neue Bemalung. Die anderen Teile des Zweit-Engels sind zumindest konserviert. Die Kiste wird demnächst verschlossen und nach Niebendorf zurück wandern. In Wünsdorf arbeiten die Restauratoren nur an Taufengeln, die von den Gemeinden gewünscht sind, die aufgehängt werden sollen - und für die Geld da ist.

"Es geht den Engeln wie den Menschen. Man sieht ihnen die Alterungsspuren und ihr Schicksal an", sagt Bernd Janowski. Der 54-Jährige ist Geschäftsführer des Förderkreises Alte Kirchen, der mit dem Landesamt in Wünsdorf die Aktion "Menschen helfen Engeln" erfunden hat. Schon im dritten Jahr suchen er und seine Mitstreiter Spenden für insgesamt sechs Taufengel. Diesmal geht es um diejenigen aus Malchow, Zollchow, Kötzlin, Segeletz, Herzberg und Wulkow bei Booßen. Der Zulauf ist gut, sagt er. Janowski erzählt von beglückenden Momenten. Ein Ehepaar aus Falkensee übernahm die Restaurierung des Rohrbecker Taufengels. Der Beweggrund war gütig: Die fünf Enkel sollten einen richtigen Schutzengel bekommen. Für den Taufengel aus Wismar in der Uckermark spendete eine Dame zu ihrem 50. Geburtstag eine bedeutende Summe, als Dank, weil sie sich immer behütet und beschützt gefühlt hatte. Die Einweihung des Taufengels wurde am 27. Juni 2010 mit einer Taufe gefeiert. Janowski kann sich gut daran erinnern, es war der Tag des WM-Achtelfinalspiels von Deutschland gegen England. Er kam erst zur zweiten Halbzeit nach Hause. Deutschland siegte sensationell mit 4:1. Ein gutes Zeichen.

Gute 30 Kilometer von Wünsdorf entfernt ist Joachim Boekels ganz aufgeregt und frohgemut. Der hagere Pfarrer aus Baruth/Mark ist, man darf das ruhig sagen, ein echter Taufengel-Profiteur. Er schließt die Kirche in Niebendorf auf, ein von außen eher unscheinbare kleine Steinkirche aus dem 13. Jahrhundert. Drinnen herrscht überraschend barocke Pracht, Kanzel und Altar sind mit weit mehr Prunk ausgestattet als man in einer protestantischen Kirche auf dem platten Land vermuten würde. So ein Kleinod hat nicht jeder. Eine vierteilige Sanduhr auf der Kanzel zeigt die Dauer der Predigt an. Der Pfarrer sollte nicht zu kurz, aber auch nicht zu lange reden, sagt Boekels. Nützliches Teil. Er grinst. Die Holzdecke ist über und über mit Engeln bemalt, die "Halleluja" singen und einen Teil der Weihnachtsbotschaft verkünden.

Und mittendrin hängt der große Taufengel frisch restauriert an einem Gurt. Vor einer Woche kamen die Wünsdorfer Restauratoren und brachten das gute Stück an. Die prallen Wangen des Taufengels und das blau bemalte Kleid passen wunderbar in das Kirchlein.

Der Pfarrer steigt auf die Empore, öffnet die Klappe zum Dachboden. Vom Schutt und Unrat, den Werner Ziems bei seinem Glücksfund erlebte, ist nichts mehr zu sehen. Ganz so wackelig wie damals ist es ebenfalls nicht mehr. Die Decke wurde erneuert, wir steigen sicher weiter, der Dachboden ist sauber und fast leer. Boekels zeigt auf einen Stein mit mehr als 30 Kilogramm, der von Eisen umschmiedet ist. Der Findling aus dem Pfarrgarten soll das Gegengewicht für den Taufengel werden. Noch ist die Einrichtung nicht fertig. Am Querbalken fehlt die Rolle, um das Seil einzuziehen. Erst dann kann der Engel auch runter und hoch schweben. Lasset die Kinder kommen.

Noch ist der Taufengel nach der langen, langen Ruhe nicht an Publikum gewöhnt. Am heutigen Sonntag um zehn Uhr findet der erste Gottesdienst in Niebendorf mit Taufengel statt. Eine Taufe wird wohl erst im Sommer sein. An normalen Tagen, sagt der Pfarrer, sind zwischen 15 und 20 Menschen in der Kirche. Jetzt im Advent werden es mehr. Boekels freut sich auf Weihnachten. Dann sind die Bänke voll besetzt, und es wird doch sehr die Frage sein, wer mehr staunt, die Menschen oder der Taufengel. Psst, man muss genau hinhören.

Berliner Morgenpost vom 18. Dezember 2011

   Zur Artikelübersicht