Taufengel: Abgestürzte Himmelsboten

Wulkow (MOZ) Den Gottesdienst hält die Schraube noch durch. Kurz danach quittiert sie den Dienst - am 3. Juli 2011. Das verschlissene Gewinde rutscht aus dem Rücken des etwa 250 Jahre alten, hölzernen Taufengels. Das Pendel, an dem die Figur unterm Kirchengebälk schwebt, löst sich. Der Gottesbote fällt, streift eine Kirchendienerin am Arm und stürzt auf den Steinboden. Ein Flügel bricht ab, der Engel verliert die Taufschale und mehrere Finger. "Jetzt müssen die Menschen helfen, damit er wieder fliegen kann", sagt Susanne Seehaus, evangelische Pfarrerin in Wulkow bei Booßen (Märkisch Oderland) über den gefallenen Engel.

 
Taufengel aus Malchow
© Landesamt für Denkmalpflege

Rettung verspricht die Initiative "Menschen helfen Engeln", die der Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg, das Landesamt für Denkmalpflege und die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz ins Leben gerufen haben. Seit 2009 starten diese drei Institutionen zu Beginn der Weihnachtszeit einen Spendenaufruf für märkische Taufengel. Etwa 150 dieser Himmelsboten gibt es noch in Museen und Kirchen Brandenburgs. Viele davon sind hilfsbedürftig: Ihnen fehlen Arme, Nasen oder Flügel; Holzwürmer haben sich durch die Körper gebohrt; die Farbe ist abgeblättert.

In den vergangenen beiden Jahren sind rund 39 000 Euro Spenden zusammengekommen. "Die Aktion ist auch in diesem Jahr gut angelaufen", sagt Bernd Janowski vom Förderkreis Alte Kirchen. Etwas mehr als 6000 Euro sind seit Ende November für sechs ausgewählte Engel, darunter der Wulkower, gespendet worden. Das Geld wird an die Gemeinden weitergegeben, die einen Eigenanteil zur Restaurierung beisteuern. Auf diese Weise konnten in den vergangenen beiden Jahren insgesamt zwölf dieser Skulpturen restauriert werden.Entstanden sind sie Ende des 17. Jahrhunderts, im Barock. Die Reformation hat hundert Jahre zuvor viele Kirchen verändert. Die neue lutherische Liturgie hinterlässt ihre Spuren auch in der Ausstattung der Gotteshäuser. Der Chorbereich ist nicht mehr nur den Pfarrern vorbehalten, außerdem werden feste Bänke und Logen eingebaut. Das schafft ein Platzproblem - wohin jetzt mit dem schweren Taufstein? Eine platzsparende Alternative bieten die Holzengel, die an der Decke hängen. Sie tragen eine Schale oder Muschel als Taufbecken in den Händen. "Man kann sie hochziehen und wieder herunterlassen", erläutert Pfarrerin Susanne Seehaus. Die himmlischen Boten gelten als Schutzpatrone der Kinder. Der Wulkower Engel, so groß etwa wie ein fünfjähriges Kind, entspricht - wie seine Verwandtschaft - vor allem dem barocken Zeitgeschmack, der das Prunkvolle und Üppige liebt.

Die Moden jedoch ändern sich schnell. "Meist unförmig groß und selten von erfreulicher Arbeit sind diese Taufengel fast überall im Wege", schreibt noch 1907 der Kunsthistoriker Paul Weber. Zu dieser Zeit sind schon viele der alten Beschützer der Täuflinge zerstört oder im besseren Fall auf dem Kirchenboden gelandet. So ergeht es auch dem Wulkower Engel. Bis sich Anfang des 20. Jahrhunderts Clara Schulz-Wulkow, Frau des Rittergutsbesitzers Richard Schulz-Wulkow, des himmlischen Wesens annimmt, es vom Kirchenboden holen und restaurieren lässt. Zur Taufe ihres ersten Enkelkindes soll es wieder schweben. 1924 ist es dann soweit.

Der Engel fliegt wieder vor dem Altar der kleinen Fachwerkkirche. Er ist auch in den folgenden Jahrzehnten nicht nur Schmuck, sondern zugleich Gebrauchsgegenstand. Das ist bis diesen Sommer so geblieben, sagt Pfarrerin Seehaus. "Eltern lassen ihre Kinder gerne dort taufen, wo ein Engel ist. Die Vorstellung eines Schutzengels ist sehr aktuell."

Viele Gemeinden haben sich in den letzten Jahren wieder auf die einstigen Schmuckstücke besonnen, erklärt Bernd Janowski vom Förderkreis Alte Kirchen. Hergestellt wurden sie meist in Tischler- oder Bildhauerwerkstätten von Berlin bis Stettin, deren Produktpalette oft von der Kanzel bis zum Sarg reichte. "Es gibt sehr einfache Taufengel und sehr hochwertige Stücke von anerkannten Bildhauern", sagt Werner Ziems vom Landesamt für Denkmalpflege. So wurde der Taufengel in der Kirche im uckermärkischen Zützen von dem Schwedter Bildschnitzer Georg Mattarnovy geschaffen, der zusammen mit den berühmten Bildhauer und Architekten Andreas Schlüter im 18. Jahrhundert am Ausbau von Sankt Petersburg mitgearbeitet hat.

Wer den Wulkower Engel gefertigt hat, ist nicht überliefert. Die heutigen und früheren Dorfbewohner schätzen ihn trotzdem. Als vor kurzem einer der Enkel der Gutsherrin Clara Schulz-Wulkow auf dem Dorffriedhof beigesetzt wird, spendet die Trauergemeinde tausend Euro für Kirche und Engel. Denn nicht nur die Figur muss gerettet, auch die baufällige Kirche muss saniert werden. Im nächsten Jahr soll das geschehen, erzählt die Pfarrerin. Dann soll auch der Engel wieder an seinen angestammten Platz fliegen, mit festem Halt. "Alle möchten ihn wieder schweben sehen."

Spendenkonto der Aktion: Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg e.V., Konto-Nr. 51 99 76 70 05; BLZ 100 900 00; Berliner Volksbank; Stichwort: Taufengel. Es können auch Patenschaften für einzelne Engel übernommen werden. Telefon: 030 4493051 ; Email: altekirchen@aol.com

Märkische Oderzeitung vom 22. Dezember 2011

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