Kurzzeitig als Pferdestall missbraucht

Brieskow-Finkenheerd (MOZ) Im Advent werden Türen geöffnet. Das Oder-Spree-Journal schaut in diesem Jahr in kleine Dorfkirchen und stellt Menschen vor, die sich um die sakralen Gebäude kümmern und sie mit Leben erfüllen. Heute: Brieskow-Finkenheerd.

 
Füllen die Kirche mit Leben: Carola Zimmer (li.) und Isolde Reinert, Mitglieder im Gemeindekirchenrat von Brieskow-Finkenheerd, bereiten das Gotteshaus auf das Weihnachtsfest vor.
Die Martin-Luther-Kirche in Brieskow-Finkenheerd wurde 1934 eingeweiht.
© MOZ/Gerrit Freitag

Fast wäre es so gewesen, dass dem Gebäude in der Karl-Marx-Straße in Brieskow-Finkenheerd nur eine kurze Geschichte als Gotteshaus vergönnt gewesen wäre. 1934 wurde die Martin-Luther-Kirche eingeweiht, weiß Isolde Reinert, Vorsitzende des Gemeindekirchenrates in Brieskow-Finkenheerd. Doch schon elf Jahre später sollten dort keine Gottesdienste mehr gefeiert werden - vorerst. "1945 wurde die Kirche von der Roten Armee als Pferdestall genutzt", sagt Isolde Reinert. Darüber hinaus war das Gebäude im 2. Weltkrieg im umkämpften Brieskow-Finkenheerd durch Granaten beschädigt worden.

Wer heute die Kirche betritt, sieht von dieser kurzzeitigen profanen Umnutzung nichts mehr. Vielmehr wurde der Innenraum in den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts umgestaltet. Im Altarraum war ursprünglich noch die Kanzel untergebracht, die man über eine schmale Treppe erreichen konnte. Diese Holzkonstruktion wurde entfernt. Statt dessen wurde der Altarraum lichter gestaltet. In der Wand sind sieben farbige Fenster eingelassen.

Darüber hinaus fallen die schmiedeeisernen Arbeiten auf. Laut Hans-Joachim Beeskow stammen diese von Siegfried Lemke. Er hat für das Gotteshaus den Altartisch, Leuchter und das Taufbecken geschaffen. Das Kreuz auf dem Giebel der Zugansseite mit einer stilisierten Weltkugel hat ebenfalls Siegfried Lemke angefertigt.

Die Kanzel hat ein Gemeindemitglied gestiftet. Etwas abseits steht ein eigener Glockenturm mit drei Glocken. Zu dem Kirchengrundstück gehört eine große Freifläche, die im Sommer für Veranstaltungen genutzt wird und ein eigenes Gemeindehaus, wo Gemeindeveranstaltungen und im Winter Gottesdienste stattfinden.

Errichtet wurde der Sakralbau in den Jahren 1932 bis 1934 nach Plänen des Berliner Architekten Curt Steinberg. Brieskow-Finkenheer erlebte damals einen Aufschwung. "Vorher gab es nur einen Beetsaal in Finkenheerd", sagt Isolde Reinert. Die Finkenheerder gingen zum Gottesdienst in die große Kirche nach Groß Lindow, die Brieskower nach Lossow. Mit der Zuwanderung von Arbeitskräften kam der Wunsch nach einem eigenen Gotteshaus. Mit der Kirche entstand gleichsam ein Ortszentrum, zu der auch die Schule gehörte. Isolde Reinert erwähnt, dass in dieser Zeit auch die katholische Kirche gebaut wurde. Heute wird das Gotteshaus durch russisch-orthodoxe Christen genutzt.

Am 31. Oktober, dem Reformationsfest, feiert die Kirchengemeinde in Brieskow-Finkenheerd das Kirchenjubiläum - in Anlehnung an den Namensgeber, den Reformator Martin Luther.

Regelmäßig, alle 14 Tage, finden Gottesdienste in der Martin-Luther-Kirche statt. Allerdings hat die Kirchengemeinde Brieskow-Finkenheerd, zu der auch Wiesenau, Groß-Lindow und Ziltendorf gehören, momentan keinen eigenen Pfarrer. Die Stelle sei schon zum dritten Mal im kirchlichen Amtsblatt ausgeschrieben worden, sagt Isolde Reinert. Bisher hat sich aber noch kein Interessent gefunden, der die Gemeinde seelsorgerlich betreuen will. Sollte es dabei bleiben, wird die Landeskirche einen Pfarrer entsenden. Bis dahin vertritt eine Pfarrerin aus Frankfurt (Oder).

Der nächste große Gottesdienst, bei dem erfahrungsgemäß die Plätze in dem Backsteinbau kaum ausreichen, ist Heiligabend. Diesmal um 18 Uhr wird die Christvesper gefeiert mit einem eigenen Krippenspiel.

Märkische Oderzeitung vom 22. Dezember 2011

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