Hier kommt die Wärme von oben

Rießen (MOZ) Im Advent werden Türen geöffnet. Das Oder-Spree-Journal schaut in diesem Jahr in kleine Dorfkirchen und stellt Menschen vor, die sich um die sakralen Gebäude kümmern und sie mit Leben erfüllen.

 
Die gute Seele: Doris Lehmann sorgt unter anderem dafür, dass immer frische Blumen auf dem Altar in der Rießener Dorfkirche stehen. Sie putzt das Gotteshaus und läutet die Glocken. Das mache ihr Spaß, sagt sie.
© MOZ/Janet Neiser
Angestrahlt: So wunderschön sieht das Gotteshaus Am Anger in Rießen nachts aus.
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"Mein Mann sagt manchmal, ich sei mehr in der Kirche als zu Hause." Über diesen Satz muss selbst Doris Lehmann schmunzeln. "Aber das stimmt natürlich nicht, auch wenn ich wirklich oft hier bin", klärt die 63-Jährige auf, während ihre Blicke hinüber zum hölzernen Altaraufsatz wandern. "Der zieht mich magisch an", sagt sie. Den Augenfänger mit den zahlreichen Ohrmuschelornamenten und Figuren, der in Guben geschnitzt und in Beeskow gefasst wurde, gibt es seit 1627 - und damit fast so lange wie die Kirche. Nur 27 Jahre zuvor wurde das Gotteshaus, ein rechteckiger Fachwerkbau, geweiht.

Für Doris Lehmann ist die Rießener Kirche mittlerweile fast zu einem Wohnzimmer geworden. Sie schmückt den Innenraum mit Blumen und Gräsern aus, fegt und wienert sogar den Boden, wenn es sein muss. Und das sieht man auch. Staubflusen sind Fehlanzeige. Doris Lehmann gehört zu fünf Rießenern, die abwechselnd Küsterdienste leisten. Seit den 1980er-Jahren sei sie bereits dabei, erzählt sie. Klar ist das zusätzliche Arbeit, "aber es macht Spaß". Vor allem wenn Besucher schon in der Tür große Augen bekommen und von der Schönheit der Dorfkirche überwältigt sind. So wie die Hamburger, die sich das Rießener Schmuckstück jüngst schon das zweite Mal angesehen haben.

Wer Interesse daran hat, sich die Kirche anzuschauen, der tritt meist mit dem zuständigen Pfarrer, jetzt ist das Rudolf Zörner, in Kontakt. Und der wiederum ruft dann bei Doris Lehmann an. Denn sie hat einen Schlüssel für das Gotteshaus und ist schneller da als jeder andere. Schließlich wohnt sie nur ein paar Schritte entfernt auf der anderen Straßenseite Am Anger. Die große Kirchensanierung von 1981 bis 1983, bei der unter anderem die Dachsteine und Wände erneuert wurden, hat sie live miterlebt. Da haben viele mitangepackt - sogar ihre Söhne, die damals noch Kinder waren. Und auch die letzte Schönheitskur für das Gotteshaus bekam sie hautnah mit. 1995 war das, als der Fachwerkbau einen neuen weißen Außenanstrich erhielt, bei dem die Holzbohlen dunkelfarbig abgesetzt wurden.

Wenn in der Nacht die Lichter an sind, erstrahlt die Kirche geheimnisvoll. Dann kann man sie kaum verfehlen. Überhören kann man sie auch nicht. Denn zum Feierabend läuten regelmäßig die zwei Glocken. In den Kirchturm steigen müssen Doris Lehmann und die anderen Helfer aus dem Gemeindekirchenrat deshalb nicht. Das läuft alles per Knopfdruck. "Ich war aber auch schon oben", verrät sie. "Das war Silvester, da war da wohl irgendetwas eingefroren. Da habe ich die Glocken angetippt, und mein Mann hat sich gewundert, wo ich die ganze Zeit bleibe." Nicht nur die Glocken sorgen für wohltuende Klänge. Auf der Westempore der Kirche steht auch eine Orgel mit acht Registern anno 1780. "Die klingt wunderschön", findet Doris Lehmann.

Für wichtige Anlässe wie Hochzeiten, Konfirmationen oder das Krippenspiel am 24. Dezember um 14.30 Uhr, bei dem ihre Enkeltochter die Maria spielen wird, heizt die Küsterin Gottes gute Stube auch extra auf, so dass die Besucher es mollig warm haben. In Rießen kommt die Wärme übrigens nicht aus dem Fußboden, sondern von oben. Im Rahmen der großen Sanierung wurden in die Holzdecke Heizstrahler eingebaut. Ein paar Speicheröfen gibt es auch noch. "Die muss man aber schon einen Abend vorher aufdrehen."

In dem unter Denkmalschutz stehenden Haus verschmelzen Moderne und Tradition auf angenehme unauffällige Weise. Sogar eine Küche wurde nachträglich eingerichtet. Viel wichtiger jedoch ist die kleine, aber feine Toilette. "Bei großen Veranstaltungen gibt es richtige Schlangen davor", weiß Doris Lehmann. Mit groß meint sie unter anderem die jährliche Feier am 29. Mai. Denn an diesem Tag wurde der Sakralbau im Jahr 1983 feierlich wiedereingeweiht. "Da sind dann um die 120 Menschen hier drin." Für die Festtafel werden sämtliche Kirchbänke umgestellt - dann wird das Gotteshaus sozusagen zur himmlischen Kaffeestube. So voll ist es nur selten.

Gottesdienste finden nur noch alle zwei Wochen statt - mehr Bedarf besteht nicht. Bedarf besteht dafür woanders. Das Dach überm Kirchenschiff muss repariert werden. Aber daran denkt Doris Lehmann momentan nicht. Jetzt steht Weihnachten vor der Tür. "Lässt man den Stress weg, ist das für mich eine schöne Zeit." Allerdings wird sie dann nicht nur in der Kirche, sondern auch daheim gebraucht. Der Braten wird schließlich nicht von allein knusprig braun.

Märkische Oderzeitung vom 23. Dezember 2011

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