Stolperfalle an der Kanzel

Barocke Besonderheiten sollen im Gotteshaus in Schlenzer bald wieder dominieren

SCHLENZER - Die Saison der offenen Kirchen ist von Ostern bis Erntedank. Doch in den kleinen Dörfern ist die Kirche meist immer zu besichtigen. Das ist auch in Schlenzer so. "Jeder kann anrufen, und schon geschieht es", sagt Hedda Hopf und freut sich auf Besucher. Sie vertritt den Kirchenältesten und hat einen der Schlüssel.

Das Ansehen lohnt nicht nur wegen der Besonderheiten, von denen Pfarrer, Denkmalpfleger, Bauleiter und Restaurator schwärmen. Es ist auch deshalb zu empfehlen, weil der Innenraum bald verändert wird. "Hoffentlich ganz richtig", sagt Hedda Hopf und lobt ebenfalls, welche wunderbaren Details der Restaurator gefunden hat.

Dach und Turm sind bereits saniert. 2011 wurden die Arbeiten abgeschlossen (die MAZ berichtete). Bevor die Handwerker anfangen, muss alles untersucht und dokumentiert werden. Mehrere Jahre vorher fing Bauleiter Axel Seemann aus Dahlewitz-Hoppegarten damit an. Er erinnert sich: "Mit Restaurator Udo Drott aus Bad Belzig haben wir ein Konzept zur Innenraumgestaltung erarbeitet. Wenn wir an die Deckenbalken rangehen, werden weitere Bereiche immer mit untersucht."

Dabei entdeckte der Restaurator mittelalterliche Bemalungen, eine Renaissance-Fassung, ein Deckenfries aus dem Barock und aus dem 19. Jahrhundert so eine Quadrierung wie sie noch heute in der Kirche von Kloster Zinna erhalten ist. "Hinter der Orgel sind Fragmente der Quadrierung zu sehen", sagt Seemann und führt aus: "Wenn man mehrere Epochen hat, muss man sich für eine entscheiden." Barock soll künftig dominieren. Der Gemeinde, der Landeskirche und der Denkmalpflege wurde das Konzept vorgestellt.

Die vorhandene Holzdecke sieht nicht besonders einladend aus. "Bis zur Orgel soll das Holz raus. Darunter ist eine Ornamentdecke. Diese barocke Decke soll wieder gezeigt werden", so Seemann. Die Wände werden dann schlicht und einfarbig mit einem barocken Fries gestaltet. Im Altarbereich wird die Holzdecke bleiben. An andere Epochen werden wie bei der Renaissance-Malerei Sichtfenster, also Ausschnitte, erinnern. Vom Fußboden bleibt nur der ältere Teil. Die Terrazzo-platten werden verschwinden. Jetzt bringt die Kanzel aufmerksame Besucher zum Schmunzeln, unaufmerksame kann sie ins Stolpern bringen. Für sie ist extra der Fußboden abgesenkt worden. "Das ist in den fünfziger Jahren passiert. Als erste Maßnahme wurde die Erde um die Kirche abgetragen, um einen Abfluss für das Wasser zu schaffen. In der Kirche, auf der Kanzelseite, hatte der Schwamm einen Teil des Fußbodens zerfressen. Der wurde dann auf der Seite rausgerissen, auch das Kirchengestühl", schildert Ingrid Spruch, die noch im Heft "Offene Kirchen" 2011 verzeichnet ist, aber den Schlüssel abgegeben hat. Der Kanzelfuß war ebenfalls befallen und wurde neu angefertigt. Als er geliefert wurde, stellte sich heraus, dass er zu lang war. Der Kanzelfuß aus einer Akanthusstaude ruht auf drei Löwentatzen. Er konnte nicht einfach abgesägt und gekürzt werden. Deshalb wurde er in den Boden eingesenkt. "Damals kamen auch die Terrazzoplatten rein. Weil die befestigten Bänke weggenommen wurden, konnte nun eine Kaffeetafel gestellt werden. Die war dann dicht an der Stolperfalle", so Ingrid Spruch. Damit kein Kirchgänger ins Fallen kommt, steht ein Tisch mit einer Spendendose davor. Die andere Seite wurde erst vor wenigen Jahren erneuert.

Spenden sind nach wie vor nötig. 230 000 Euro sind bereits in die Außensanierung geflossen. Fürs Innere wird ebenfalls viel Geld benötigt. Knapp 150 000 Euro sagt Pfarrer Joachim Boekels, der auf Mittel aus dem Staatskirchenvertrag und der Sparkassenstiftung hofft. Dann könnte auch der Altarbereich verändert werden. "Seemann und ich haben vorgeschlagen, die mittelalterliche Altargestaltung freizulegen und wieder sichtbar zu machen", sagt Udo Drott und verweist darauf, dass diejenigen entscheiden, die "die Planung verbindlich beschließen". Für Brandenburgs Kirchen ist der Altar jedenfalls eine Seltenheit. "Der Altarblock ist noch zu etwa zwei Dritteln mit mittelalterlichem Putz bedeckt. In diesem Putz sind farbig gefasste Ritzungen vorhanden, die einst ein Quadermauerwerk mit dekorativen Rosetten imitieren sollten. Diese Gestaltung wurde im Laufe der Jahrhunderte mehrfach überstrichen, ist aber unter diesem Tünchepaket noch relativ gut erhalten und kann wieder freigelegt werden", so Drott.

Auch die Orgel könnte eine Verjüngungskur gebrauchen. Dafür tickt die Uhr wieder richtig. Sie gehört zum bereits sanierten Außenbereich, genau wie die schmucke Wetterfahne auf dem Turm mit der Jahreszahl 1181, auf die der älteste Balken bei der dendrologischen Untersuchung datiert wurde. In der Turmkugel lagern die Berichte von 1929, 1954, 1978 und der aktuelle von 2011. Vielleicht werden sie einmal im Innenraum ausgestellt, wenn er fertig saniert ist.

Interessant zu lesen sind die Dokumente auf jeden Fall. Pfarrer Bickenbach hatte den ersten Bericht 1929 verfasst, der 1954 bei Dacharbeiten in der Turmkugel gefunden wurde. Seitdem war viel geschehen. Paul Toaspern berichtete über den Einmarsch der Roten Armee, über jene, die sich das Leben nahmen, gefallen oder vermisst sind und über die sieben Bauern, die enteignet wurden und mit Ausnahme einer alten Frau ihr Dorf verlassen mussten.

Nach Bickenbach dienten bis 1953 die Pfarrer Prochnow, Himmel, Krüger und Bressani. Fast ein Jahr war die Stelle vakant, ehe der promovierte Paul Toaspern die Arbeit übernahm. Mit der Familie Toaspern pflegt Ingrid Spruch den Kontakt. Im Bericht von damals wird bedauert, dass ein Teil der Flüchtlinge aus dem sogenannten Warthegau der Freikirche angehörte. Die Flüchtlinge seien zwar sehr fromm, sondern sich aber ab.

Im Bericht von 1978 ist zu erfahren: "Die Landwirtschaft ist zum Industriebetrieb geworden." Die Umwandlung von Privateigentum in genossenschaftliches "hat viele Menschen resignieren lassen". Sie ziehen sich auch aus der Kirche zurück. Die Zusammenlegung von Sernow und Schlenzer zu einem Pfarrsprengel 1964 trug ebenso dazu bei. Doch bis 1978 setzte ein Umdenken ein. Nun tagten die Gemeindekirchenräte von Reinsdorf, Lichterfelde, Sernow, Riesdorf und Schlenzer stets gemeinsam. 1978 wurde Ingrid Spruch vom Gemeindekirchenrat gelobt. Sie hatte mit Frieda Heinrich, Heinz Krüger und anderen Gemeindemitgliedern bei den Arbeiten geholfen und 6000 Mark für die Sanierung gesammelt. Dachdecker Rudolf Hietel lobte hingegen eine Frau Rose für die gute Bewirtung. Die ist bei den Schlenzeraner Kirchgängern noch immer gut; Bauleute hoben das auch 2011 wieder hervor.

Nach Heiligabend ziehen die Kirchgänger übrigens um in den Gemeinderaum im Pfarrhaus. Das steht direkt daneben und ist im Gegensatz zur Kirche beheizbar. Dann ziehen die Gegenstände, die sonst den Altar zieren, mit um. "Es ist ja unheimlich kalt in der Kirche", sagt eine Frau, die am Dorfteich direkt neben dem Gotteshaus wohnt und für den Chor heizt. Sie schließt auch auf, wenn sie Neugierige sieht, will aber nicht genannt werden.

Kontakt: Hedda Hopf, 03 37 46/7 29 39 und Anneliese Görlitz, 03 37 46/ 7 25 04 kümmern sich um Kirchenbesucher. (Von Gertraud Behrendt)

Märkische Allgemeine vom 04. Januar 2012

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