Kurz vor dem ersten Konzert montiert

In der Dorfkirche zu Klepzig erklangen am Sonntag unmittelbar nach Umzug und Aufbau die Pfeifen der neuen Orgel

KLEPZIG - Als Orgelbaumeister Jörg Stegmüller und sein Geselle Lukas Kühne am Abend zuvor mit der in viele Einzelteile zerlegten neue Orgel für die Dorfkirche in Klepzig ankommen, stellt sich heraus, dass für den Aufbau dringend noch eine Bodenplatte nötig ist. Ortsvorsteher Norbert Ihms rückte aus. Nach gründlichem Aufmaß durch die örtliche Tischlerei von Ralf Münder liegt die gewünschte Bodenplatte Stunden später bereit. Der Aufbau am Sonntag kann beginnen.

Nacheinander und mit abgestimmten Handgriffen setzen Stegmüller und Kühne Gehäuseteile zusammen und richteten sie aus. Danach wird das Pfeifenwerk eingesetzt. Nun können die Orgelpfeifen einziehen. Nach und nach leeren sich sechs große Kisten, in denen das Instrument transportiert wurde. "Unser Ziel war es, so wenig wie möglich auseinanderzuschrauben", sagt Stegmüller. Anders wäre das achtstündige Zeitfenster zwischen Aufbaubeginn und erstem Orgelkonzert am Abend nicht zu bewältigen gewesen. Obwohl das Instrument immer mehr Gestalt annimmt, bleibt für beide Männer noch viel zu tun. Immerhin müssen 280 Orgelpfeifen aus Holz und Metall auf ihren angestammten Platz zurück und gestimmt werden. "Alles läuft nach Plan. Aber es liegt noch viel Arbeit vor uns, dabei wird uns noch warm werden", sagt der 47-jährige Orgelbaumeister aus Wilhelmshorst zwei Stunden nach Beginn. Er hat sich auf die Restauration alter Instrumente spezialisiert. Um den immer wieder vorbeischauenden Klepzigern einen Vorgeschmack auf die Klangvielfalt ihrer neuen Orgel zu geben, setzt Stegmüller kurzerhand die kleinste Pfeife mit dem höchsten Ton an seine Lippen. Es klingen 20 000 Hertz, eine Schwingung die gerade noch im hörbaren Bereich eines Menschen liegt. Das Gegenstück, die Pfeife mit dem tiefsten Ton, erzeugt 64 Hertz und mutet an wie das Signal eines Ozeandampfers.

"Ein Orgelbauer muss sehr gut hören können", erläutert Stegmüller bei der Einführung in die Welt der Töne. Immer wieder werden die Handgriffe der Fachleute von ehrfurchtvollen Blicken begleitet. Erneut klappt die schwere Kirchentür. Ins Gotteshaus tritt Hubert Münder. "Ich wollt nur mal sehen, ob ihr bis 17 Uhr fertig seid", fragt der Tischlermeister. "Nein!" erwidert Stegmüller lachend, "wir sind um 16 Uhr fertig."

Spätestens dann müssen die Transportkisten und Werkzeugkoffer aus der Kirche verschwunden sein. Der Bad Belziger Kantor, Winfried Kuntz, hat um 17 Uhr zu einem Orgelkonzert ins Gotteshaus geladen. "Ich kann dem Kantor nur beipflichten. Die Orgel wird sich gut in die Kirche einpassen", sagt der Fachmann.

In den kommenden Monaten wird das neue Instrument in der Klepziger Kirche noch unter besonderer Beobachtung bleiben. Bislang stand sie in einem dauerhaft beheizten Raum. Anders ist die Situation in Klepzig. Wie sich die Orgel an die neue Umgebung anpasst, wird die Zeit zeigen. Die Freude im Dorf ist in jedem Fall groß. "Wir wollen die Orgel würdig begrüßen", sagt Ortsvorsteher Norbert Ihms. Kirchenmusiker Kuntz an der Orgel wird am Abend durch den Kinderarzt Burkhard Kroll an der Violine begleitet. Beide Bad Belziger wollen mit Werken von Bach, Vivaldi und Pachelbel die Klangvielfalt der neuen Klepziger Orgel präsentieren. (Von Bärbel Kraemer)

Umzug über 420 Kilometer:

Die neue Orgel in der Klepziger Kirche stammt aus dem 420 Kilometer entfernten Burgsteinfurt im Münsterland.
Sie wurde 1964 gebaut und wiegt etwa 200 Kilogramm.
Das Instrument hat ein massives Eichengehäuse, in dem sich 280 Orgelpfeifen aus Holz und Metall befinden.
Die Vorgängerin, eine vor 100 Jahren von den Gebrüdern Jehmlich aus Dresden gebaute Salonorgel, wurde abgebaut. Sie wird künftig im Bad Belziger Orgelmuseum in der Marienkirche erklingen.
Das Harmonium, auf dem bis 1992 die Gottesdienste in der Klepziger Dorfkirche begleitet wurden, ist weiterhin verschollen.
Bck

Märkische Allgemeine vom 17. Januar 2012

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