Kirchenbestand akut gefährdet

Landeskonservator Karg: Wer Geld für Garnisonkirche hat, muss auch Geld für Originaldenkmale bereitstellen

In Potsdam werden das ehemalige Stadtschloss und die Garnisonkirche wieder aufgebaut. Der Direktor des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege, Detlef Karg, findet, dass der Erhalt von Originalen den Vorrang gegenüber Rekonstruktionen genießen sollte. Mit ihm sprach ULRICH THIESSEN.

 

Professor Karg, in der Landeshauptstadt Potsdam ist eine erste Sandsteinbalustrade errichtet worden, die später die Garnisonkirche wieder zieren soll. Wie sehen Sie den hier zu erlebenden Hang zu Rekonstruktionen verschwundener Gebäude?

Ich habe schon 1994 die Position der brandenburgischen Denkmalpflege, die sich mit der der Kollegen in den anderen Landesämtern deckt, formuliert: Es ist nicht Aufgabe der Denkmalpflege, einen verlorenen Bau wieder aufzurichten. Ich sehe das mehr als skeptisch. Wenn man in Potsdam am alten Standort eine Kirche bauen will, kann man das auch in der heutigen Architektursprache tun. Nicht jeder Architekt kann so etwas. Aber ich widerspreche der Meinung, dass moderne Architektur so etwas generell nicht in ansprechender Form zu leisten vermag. In einem heutigen Bau könnte man genauso gut eine Erinnerungsstätte für den Verlust des Vorgängerbaus und die politischen Umstände, die dazu führten, einrichten.

Also lieber bestehendes Kulturgut erhalten, als alte Stadtbilder wieder herstellen?

Es macht mich sehr nachdenklich, dass sich die evangelische Kirche, die weiß Gott nicht opulent ausgestattet ist, mit beträchtlichen Mitteln am Wiederaufbau der Garnisonkirche beteiligen will. Da habe ich als Denkmalpfleger, der für den Erhalt des Authentischen zuständig ist, eine andere Sicht. Schließlich haben wir 1164 Dorfkirchen und 700 Stadtpfarrkirchen in unserem Land. Dieser Bestand ist ernsthaft gefährdet. Es geht dabei nicht nur um die Dächer und die äußeren Hüllen, sondern auch um die wertvollen Ausstattungen. Die Schätze, die gerade in den Dorfkirchen schlummern, haben wir noch längst nicht gehoben.

Das Kulturministerium hat zwei Millionen Euro aus dem ehemaligen Parteivermögen der DDR für die Planungen der Garnisonkirche bereitgestellt. Wie viele Kirchen ließen sich damit retten?

Wir haben überall im Land große Probleme. Allein die Marienkirche in Beeskow ist so ein Fall, bei dem wir einen erheblichen Betrag brauchen, um weiter voran zu kommen. Ähnliches trifft auf den Dom in Brandenburg zu. Das sind weithin sichtbare Denkmale, die ganze Regionen prägen. Wir fordern seit 1994 einen schnell einsetzbaren Fonds, um akut gefährdete Denkmale retten zu können. Jetzt wird über eine Stiftung geredet. Ich hoffe, dass sie auch zustande kommt.

Wie viel Geld wäre für eine Denkmalstiftung notwendig?

Ich rechne mit einer jährlich verfügbaren Summe von 1,5 Millionen Euro. Da geht es nur um die Substanzerhaltung, nicht um aufwendige Restaurierungen. Wenn wir uns öffentliche Zuschüsse für den Wiederaufbau der Garnisonkirche leisten, sollten wir uns auch die Gelder für eine Denkmalstiftung leisten. Zumal wir ja erleben, dass Denkmale in den ländlichen Regionen einen harten Standortfaktor darstellen, um den herum sich beispielsweise der Tourismus und kleines Gewerbe entwickeln.

Welche Vorhaben müssen in diesem Jahr angegangen werden?

Durch das Sonderinvestitionsprogramm des Bundes für die Denkmalpflege haben wir in diesem Jahr wieder eine Reihe von Denkmalen, die wir jetzt angehen können. Beispielsweise hat die bemerkenswerte Brücke am Flakensteg in Erkner für uns hohe Priorität. Wir können am ehemaligen Offizierscasino in Dallgow-Döberitz, das immer wieder in die Schlagzeilen gekommen ist, endlich die Substanz sichern. In Himmelpfort ist vor zwei Jahren die Brauerei in der ehemaligen Zisterzienseranlage abgebrannt. Hier muss etwas geschehen. Und in der Propstei in Mühlberg sind Wandmalereien entdeckt worden, die sich in die Nähe der Cranachschule einordnen lassen. Das sind einige von 35 Vorhaben mit Priorität.

Zu Ihrem Bereich gehört auch das Archäologische Landesmuseum in Brandenburg (Havel). Wie sehen Sie die Überlegungen der Landesregierung, es mit dem Märkischen Museum in Berlin zu verschmelzen?

Das war zunächst auch für mich überraschend. Einen Museumsverband auch über Ländergrenzen hinweg sehe ich aber nicht kritisch. Wir sind eine gewachsene Kulturlandschaft. Das Märkische Museum hat viele Bestände aus unserem Land. Ich kann mir vorstellen, dass sich die Kooperation auf diesem Wege verbessern ließe. Ob sich auch Synergieeffekte daraus ergeben, kann ich so nicht sagen. Ich kenne natürlich die Abwehrreaktionen der Betroffenen. Zurzeit ist das Museum Teil des Landesdenkmalamtes. Aber das ist nicht die einzig mögliche Anbindung. Angesichts des Sparzwangs muss man über innere und äußere Grenzen hinweg sehen. Die wichtigste Aufgabe des Landesamtes, die Inventarisierung voranzutreiben sowie Denkmaleigentümer und die Unteren Denkmalbehörden fachgerecht anzuleiten, darf bei allen Veränderungen jedoch nicht in Frage gestellt werden.

Märkische Oderzeitung vom 02. Februar 2012

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