Jubiläum einer 50-Jährigen

Von Mandy Timm

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Neubarnim (MOZ) Vor 50 Jahren stellten die Neubarnimer ihre Notkirche im Dorf auf. Das alte Gotteshaus hatten ab-
rückende SS-Truppen am Kriegsende angezündet. Fünf Jahrzehnte nach dem Behelfsbau feiern Christen dort noch immer Gottesdienste. Wegen des inzwischen schlechten Zustandes soll im kommenden Jahr nun neu gebaut werden.

Was blieb, waren zwei Glocken aus Guss. Der Rest der Kirche lag in Schutt und Asche, im April 1945, der Krieg war so gut wie beendet. Abrückende SS-Truppen sollen das Gotteshaus in Neubarnim angezündet haben. Es brannte komplett nieder. Dabei stand die Kirche seit 175 Jahren im Dorf und zweimal im Hochwasser. 1770 wurde die üppige Fachwerkkirche in Neubarnim einst gebaut.

Heute treffen sich Christen, die ihren Glauben stärken und sich in ihrer Trauer trösten, in einer niedrigen Baracke. Von der Decke wärmen Heizstrahler. Rechts neben dem Altar ist die Kanzel aufgebaut, links steht ein Kirchenmodell des einstigen Gotteshauses. Hinter einem Bild verbirgt sich ein Riss im Mauerwerk, der zigmal gestopft wurde und doch nicht hält. Sie ist kein Schmuckstück, die Kirche, wird der langjährige Pfarrer Jürgen Furchert später sagen. "Aber viel wurde in ihr erlebt. Trost, Liebe, Glaube." Erst hält die aktuelle Pfarrerin Nanna-Maria Luttenberger an diesem Sonntag ihre besondere Predigt und erinnert an das Kirchhaus, das vor 50 Jahren aufgestellt wurde, am 22. April 1962. "Viele Menschen sind hier zum Gottesdienst ein- und ausgegangen", sagt sie. "Es wurde getauft, konfirmiert, geheiratet, musiziert, Theater gespielt. Das Haus war stets mit Leben und Hoffnung gefüllt. Auch wenn unsere Schar kleiner wird."

Nach dem Zweiten Weltkrieg wusste sich die evangelische Kirchengemeinde notgedrungen zu helfen, feierte ihre Gottesdienste erst in der Gaststätte, dann in der Schule. Als der Staat dem einen Riegel vorschob, musste eine andere Lösung her eine Notkirche. 3000 Mark hat die teils schadhafte Baracke gekostet, die die Neubarnimer den Bad Saarowern dann abkauften. Wozu genau das frühere Wehrmachtsgebäude diente, ist nicht klar, vermutlich als Lazarett. Die Beteiligung im Dorf war enorm, als die Notkirche 1961/62 aufgebaut wurde. Christen und Nicht-Christen packten an. Allen voran stand der Stellmacher Felix Grafe. Der Kirchenälteste war nicht nur der Motor des Vorhabens, sondern auch heimlicher Seelsorger im Dorf, der die Gemeinschaft zusammengehalten und in seiner besonnen Art so manchen Streit geschlichtet haben soll. Am 15. Juli 1961 wurde Aufmaß genommen, im August das Holzhaus aufgestellt, im Oktober das Dach gedeckt, der Giebel gemauert. Am 22. April 1962 wurde die Notkirche schließlich mit einem Festgottesdienst und vielen Menschen eingeweiht.

Fünf Jahrzehnte nach dem Notkirchenbau feiern die Neubarnimer Christen noch immer in ihrer Baracke, obwohl es längst Pläne gibt, ein neues Gotteshaus zu bauen. Es muss sein. Der Holzbau ist inzwischen an vielen Stellen marode. Das größte Problem bereitet nach wie vor das Fundament. Denn gebaut wurde Anfang der 60er Jahre auf einem alten Stück Kirchenmauer. Der andere Teil wurde neu gegossen. "Dass das fatal war", sagt Jürgen Furchert, "zeigt sich seit vielen Jahren. Die Kirche sackt ab. 30 Kubikmeter Beton wurden in der Zwischenzeit sicher schon nachgegossen. Nichts half bislang gegen den sumpfigen Oderbruchboden."

Dutzende Male hat sich der Bauausschuss der Kirchengemeinde inzwischen wegen des geplanten Neubaus getroffen. Morgen steht wieder ein Treffen an. Es liegen Gutachten vor, Baupläne. Als nächstes sollen Fördermittel beantragt werden. 2013 ist der Kirchenneubau nun tatsächlich vorgesehen. Der Termin wurde mehrfach verschoben. Als Vorbild dient den Neubarnimern der Sophienthaler Fachwerkbau. "Fest steht", sagt die Kirchenälteste Petra Sorge, "dass der Neubau kleiner wird als unsere jetzige Kirche." Gut 100 Quadratmeter haben die Christen momentan Platz. Weil sich Winterkirche und Saal bewährt haben, soll es auch in Zukunft zwei Räume geben, ebenso wie eine Toilette. Zurzeit arrangieren sich die Neubarnimer mit ihrer Feuerwehr.

Das Kirchbau-Projekt ist kein leichtes Unterfangen in dem Oderbruchdorf. Altpfarrer Furchert macht das mehrmals während seines Abrisses der Neubarnimer Kirchgeschichte deutlich. "Wir hoffen und beten jetzt", sagte er, "dass die Neubarnimer aufwachen, mitwirken und auch ihre Geldbeutel aufmachen." Nur eine Akteurin allein könne das Projekt nicht stemmen. Er nennt ein ähnliches Beispiel in Frankenfelde, wo die gesamte Gemeinde erst aufwachte, nachdem die Kirchtüren für immer geschlossen werden sollten. "Viele im Dorf haben dort mitgeholfen und sind als Gemeinschaft gewachsen", sagt Jürgen Furchert. "Das wünsche ich mir für Neubarnim auch."

Das Schicksal und die Geschichten der Kirchen im Oderbruch ist im vergangenen Jahr in dem Buch "Kirchen im Oderbruch Einst und Jetzt" im Culturcon-Verlag erschienen; Herausgeber ist die Märkische Oderzeitung; Das Buch ist in der Seelower Buchhandlung erhältlich sowie unter ISBN 978-3-941092-45-7

Märkische Oderzeitung vom 24. April 2012

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