Wo die goldnen Sternlein prangen

Mehr als 50 Jahre lang war er verschwunden jetzt bekommt die Kirche von Nietwerder ihren Sternenhimmel zurück

NIETWERDER - Dass es so viele Sterne sind, kam überraschend. "Wir hatten vielleicht so mit hundert gerechnet", sagt Karin Ehrendreich vom Gemeindekirchenrat Nietwerder. So genau konnte sich niemand mehr erinnern, wie der Himmel in der Apsis der Kirche einmal ausgesehen hatte. Klar war nur: Einst prangten dort goldene Sterne auf blauem Grund. Bevor sie in den 60er Jahren irgendwann unter eine Schicht zitronengelber Farbe verschwanden. Jetzt wollte die Kirchengemeinde wenigstens die Apsis, das Halbrund um den gemauerten Altar, wieder so herrichten lassen, wie sie bei der Kirchenweihe vor knapp 150 Jahren einmal aussah.

Bis vor ein paar Tagen wusste Restauratorin Silvia Koch aus Berlin noch nicht, welche Arbeit auf sie und ihre Kolleginnen zukommt. "Wie viele Sterne es sind, haben wir erst gesehen, als die alte Farbe abgewaschen war." Und dazu musste das Baugerüst in der Kirche aufgebaut sein. Nach und nach legten die Restauratoren unter der gelben Deckschicht Stern für Stern frei: 420 insgesamt viermal so viele, wie die Nietwerderaner erwartet hatten.

Vorsichtig malt Laura Kalius einen Zacken nach dem anderen auf den leuchtend blauen Untergrund an der Decke. Immer wieder taucht sie den Pinsel in die Farbe aus Goldpulver und einem flüssigen Bindemittel. Ihre Kollegin zeichnet inzwischen mit Wasserwaage und Bleistift eine Linie nach der anderen auf die Wände rund um den neuen Himmel. Jeder Bleistiftstrich wird später mit Farbe nachgezeichnet. Für die Besucher der Kirche wirken die Linien wie Fugen zwischen Sandsteinquadern.

Knapp eine Woche arbeiten die Restauratorinnen bereits an der Apsis. "Eine Woche werden wir wohl noch brauchen", schätzt Silvia Koch. Dann sollen nicht nur der Himmel und die Fugen fertig sein; hinter dem Altar bekommt die Stülerkirche auch den historischen Wandfries und die verzierten Kassetten zurück, die die Wände einst schmückten, bevor sie einfach übermalt wurden.

Zwar müsste dringend auch der restliche Innenraum der Kirche saniert werden, das ist unübersehbar. Doch dafür hat die Gemeinde kein Geld. Schon die Kosten für die Restaurierung der Apsis wurden bisher auf rund 12 000 Euro geschätzt. "Aber das wird wohl nicht reichen", schätzt Karin Ehrendreich. Der Sternenhimmel ist aufwändiger als geplant.

Über Sternpatenschaften hofft die Kirchengemeinde auf weitere Spenden: Jeder Geldgeber bekommt seinen eigenen, ganz persönlichen Sechszack am Himmel von Nietwerder. Zwischen 20 und 50 Euro kosten die, je nach Größe. Nur der große Stern in der Mitte ist teurer.

Wenn es um die Kirche geht, packt das ganze Dorf an. "Das ist immerhin unser Wahrzeichen", sagt Ortsvorsteher Wolfram Händel. Knapp 320 Einwohner hat Nietwerder. "Davon sind 80 Christen", sagt Karin Ehrendreich. "Alleine könnten wir so eine Aufgabe nicht stemmen."

Zumal die Restaurierung der Apsis nur ein erster Schritt sein soll. Nach und nach soll der restliche Innenraum folgen. Der ehrenamtliche Küster Frank Metzelthin träumt schon davon, dass irgendwann auch die Orgel saniert werden kann und er dann vielleicht nicht mehr den Blasebalg treten muss, wenn Musik erklingen soll. 2018 zum 150. Jahrestag der Kirchweihe wäre das doch schön, sagt er. Dass es so schnell geht, wagt Karin Ehrendreich kaum zu hoffen.

Wer eine Sternpatenschaft übernehmen will, kann sich bei Karin Ehrendreich in der Dorfstraße 38 a in Nietwerder melden oder unter 03391/39 88 60. (Von Reyk Grunow)

Märkische Allgemeine vom 23. Juni 2012

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