Steinreiche Kirche

Brandenburgs Gemeinden haben mit ihren Dorfkirchen ein kostbares Erbe. Mit tragfähigen Konzepten haben die Baudenkmäler eine gute Zukunftsperspektive.

Von Tilman Asmus Fischer

 
Zwei Studenten schreiben ihre Master-Arbeit über die Dorfkirche Buckow. Die Ergebnisse dienen dem Erhalt des Bauwerks.
Foto: Tilman Asmus Fischer

"Wir sind eine steinreiche Kirche", sagt Konsistorialpräsident Ulrich Seelemann. Reich an Steinen machen die Landeskirche ihre über 1.300 historischen Dorfkirchen. Deren Erhalt stelle einen auch in Zukunft "schwer zu bewältigenden Kostenblock" dar, erklärt der Jurist während einer Rundfahrt zu brandenburgischen Dorfkirchen, Anfang der 90er Jahre wurden die Sanierungskosten mit 750 Millionen Euro veranschlagt. Doch das sei gut investiertes Geld, denn schließlich gehe es darum, Bauten zu bewahren, "in denen Gottes Wort aktiv wohnt" ein Stück Kulturerbe.

Seit 1990 wurden bereits an etwa 1.000 Kirchen Sanierungsmaßnahmen durchgeführt, so dass heute nicht mehr 800, sondern nur 50 Gotteshäuser akut bestandsgefährdet sind. 20 Kirchen hat die Landeskirche seit der Wende jedoch aufgeben müssen.

300 Fördervereine sichern die Dorfkirchen

Wichtige Partner der Landeskirche beim Einsatz für den Erhalt der historischen Bausubstanz waren und sind die lokalen Fördervereine, die sich für die Bewahrung und Nutzung der einzelnen Sakralbauten einsetzen. 300 gibt es inzwischen. Einer von ihnen ist der Förderverein Dorfkirche Selbelang, der sich 2005 gründete, als die Schäden an der St.-Nikolai-Kirche Selbelang im Havelland nicht mehr zu übersehen waren: In die Risse am Mauerwerk konnte man mittlerweile mit der Hand hineingreifen. Seither hat der Verein Spendengelder in Höhe von knapp 32.000 Euro eingeworben und Sanierungsarbeiten vorangetrieben, deren Gesamtkosten bei etwa 220.000 Euro liegen. Im Vergleich zu anderen Projekten in Brandenburg gelang dies "in recht kurzer Zeit, worüber wir uns sehr freuen", berichtet der Vorsitzende Erich Wallbaum stolz.

Mit der Familie von Bardeleben konnten sogar die ehemaligen Patronatsherren der Kirche als Fördervereinsmitglieder gewonnen werden keine Seltenheit in Brandenburg, wo sich eine Reihe Adeliger zu "ihren" ehemaligen Kirchen bekennen. Typisch für die Vereine ist auch, dass viele ihrer Mitglieder gar nicht der Kirchengemeinde angehören. Im Schnitt liege deren Anteil bei 50 bis 70 Prozent, weiß Bernd Janowski. Er ist Geschäftsführer des Förderkreises "Alte Kirchen Berlin-Brandenburg", der seit seiner Gründung 1990 mit den lokalen Vereinen kooperiert und sie bei ihrer Lobbyarbeit unterstützt. Dies ist enorm wichtig, denn es geht darum, auch weiterhin Spenden und öffentliche Fördermittel zu bekommen, die einen wesentlichen Teil der Sanierungskosten decken.

Dabei ist dem Förderkreis nicht nur die Bauerhaltung ein wichtiges Anliegen, sondern ebenso die Entwicklung tragfähiger Nutzungskonzepte. Diese sind umso notwendiger, als die Kirchengemeinden wie die ländliche Bevölkerung insgesamt zusehends schrumpfen.

Besondere Pläne gibt es für die 1851 errichtete Zeestower Kirche, die über 40 Jahre ungenutzt war: Die Kirche westlich von Brieselang im Kirchenkreis Falkensee soll die erste Autobahnkirche im Großraum Berlin werden, Gesamtkosten etwa 1 Million Euro. Ulrich Seelemann weiß um die Bedenken, Geld in "Kirchen am Wege" zu investieren. Schließlivh habe doch die Dorfgemeinschaft nichts davon, lautet eines der Argumente von Kritikern.

Autobahnkirchen ermöglichten eine "Gemeindebildung auf Zeit", entgegnet Seelemann. Autofahrer, Radfahrer und Wanderer kehrten hier ein und erlebten Gemeinschaft in der Besinnung, erläutert er. Einige kämen so vielleicht das erste Mal in Kontakt mit Kirche und Glauben. Somit hätten die Kirchbauten auch eine "missionarische Komponente". Daher ermutigt der Konsistorialpräsident, der selbst passionierter Radfahrer ist, auf seinen Touren immer wieder die Menschen vor Ort, ihre Kirchen nicht zu verschließen, sondern sie für jedermann offen zu halten.

Offen stehen sollten die Kirchen aber auch der Wissenschaft. Denn es gibt viele Denkmalschutz-Studenten, die Forschungsobjekte suchen. Wie Anne Meise und Carl Altefrohne, die zurzeit ihre Masterarbeit über die ehemalige Buckower Wallfahrtskirche schreiben.

Studenten stellen ihre Forschung zur Verfügung

Damit leisten sie zugleich einen wichtigen Beitrag zu deren Erhalt. "Ziel unserer Arbeit ist es, möglichst viel über die Entwicklung des Gebäudes herauszufinden, um das bestehende kleine Sanierungskonzept weiterzuentwickeln und später mit der Kirche möglichst substanzschonend, denkmalgerecht umgehen zu können", erklärt Anna Meise.

In diesen Tagen kann man die beiden bei gutem Wetter auf dem Kirchhof beobachten, wo sie die Kirche vermessen. Doch sie müssen auch in kirchlichen Archiven zur Baugeschichte recherchieren. Dies alles sind Arbeiten, deren Früchte der Kirche unentgeltlich zugute kommen. Die Studenten nehmen den Aufwand gern in Kauf. "Jedoch würden wir eine Unterstützung und Förderung denkmalpflegerischer Projekte wie unseres sehr begrüßen", merkt Anna Meise an.

Hier dürfte sich durchaus auch die Landeskirche angesprochen fühlen und könnte künftig ähnliche Forschungsaufträge als studentische Abschlussarbeiten systematisch vergeben. Das wäre eine Zukunftsinvestition mit einem günstigen Kosten-Nutzen-Verhältnis.

Am guten Willen der Kirche wird es sicher nicht scheitern das zeigt schon der Blick in die zurückliegenden Jahre: Für den Erhalt der Dorfkirchen habe die EKBO ihr "Vermögen geplündert", weiß Kirchenoberbaurat Matthias Hoffmann-Tauschwitz. Dass es sich gelohnt hat, sieht, wer durch Brandenburg reist.

Die Kirche vom 09. September 2012

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