Die Honigkirche von Neu Hartmannsdorf

von Jeanette Bederke

Ein Altar aus Bienenwachs

Ein Altar im Selbstbau die süßeste Kirche Deutschlands soll spätestens in der Adventszeit wieder "betriebsbereit" sein.

 
Die Form des neuen Altars in der Kirche Neu Hartmannsdorf wird Schicht um Schicht mit flüssigem Bienenwachs gefüllt. Felix Hendrik und Richard Matusche betrachten eine gegossene Wachsschicht.
Foto: WINFRIED MAUSOLF

Neu Hartmannsdorf (jb)

Auf den ersten Blick sieht es aus, wie eine selbstgebaute Gulaschkanone, was vor der Honigkirche von Neu Hartmannsdorf (Landkreis Oder-Spree) steht. "Das ist ein alter Waschkessel, der mit Holz beheizt wird", sagt Felix Handrik, während er mit einem Sieb in einer dunkelbraunen, leicht süsslich riechenden Brühe rührt. Mit großen Eimern schöpfen andere Mitglieder des Gemeindekirchenrates etwas von der dampfenden Flüssigkeit ab und eilen damit in das Gotteshaus. Dort gießen sie die Behälter in eine sechseckige, hölzerne Verschalung, die im Altarraum steht.

Nach kurzer Zeit wird die süssliche Brühe fester und nimmt eine hellbraune Farbe an. Denn bei dem Material handelt es sich um Bienenwachs, das laut Handrik bei knapp 70 Grad schmilzt und beim Abkühlen fest wird. Schicht für Schicht gießen sich die Neu Hartmannsdorfer ihren neuen Altar.

Altar duftet nach süßem Honig

Vorbild dafür war ein etwa ein Meter hoher, sechseckiger Schrein, der vor 18 Jahren unter Anleitung der Berliner Künstlerin Brigitte Trennhaus aus Bienenwachs gegossen worden war. In tagelanger Arbeit entstand ein Kunstwerk, das auf den ersten Blick aussah, wie aus hellem Marmor gemacht. Der Altar harmoniert mit der dahinter liegenden goldgelben Wand, die an tropfendes Kerzenwachs erinnert und nach süßem Honig duftet. "Die ist mit Bienenwachs bestrichen, in das gelber Blütenstaub gemischt wurde", erklärt die Neu Hartmannsdorferin Marianne Stein, die regelmäßig Führungen durch Deutschlands süßeste Kirche macht. Damit Wand und Altar künftig wieder ein harmonisches Ganzes bilden, legen sich die Neu Hartmannsdorfer ins Zeug und gießen einen neuen Altar. Sein Vorgänger hatte im Laufe der Jahre immer mehr Risse bekommen, wurde zeitweise nur noch durch Spanngurte zusammengehalten, bevor er im Frühjahr schließlich ganz zerfiel.

"In seiner Zerrissenheit hatte der Altar schon Charme, predigte wie von selbst", erinnert sich Stein. "Lediglich den Deckel haben wir wiederholt glatt gebügelt." Der Grund für den endgültigen Zerfall: Das darin eingebettete Holz hatte sich zersetzt, vermutlich durch Feuchtigkeit und Kälte, die im Laufe der Jahre aus dem Steinfußboden in den Altar gekrochen sind.

Ursprünglicher Altar existiert nicht mehr

Die Berliner Künstlerin Trennhaus hatte Anfang der 1990-er Jahre die Idee für die charakteristische Umgestaltung des Gotteshauses. Der ursprüngliche Altar aus der Bauzeit der Kirche von 1858 existierte nicht mehr. An seiner Stelle stand ein schwarzer Holztisch vor einem düsteren schwarzen Kreuz, erinnert sich Stein. Am Ortseingang von Neu Hartmannsdorf bemerkte Künstlerin Trennhaus damals einige Imker-Schilder. Zudem blühte der Löwenzahn auf den angrenzenden Spreewiesen kräftig gelb. Aus der gesamten Region seien damals Leute mit ihren Bienenwachs-Spenden gekommen, weiß sie noch. "Drei Monate lang haben wir täglich sechs bis acht Stunden geackert."

Darauf läuft es diesmal auch wieder hinaus, denn erst wenn eine Schicht getrocknet ist, kann die nächste gegossen werden. "Da hilft nur Geduld, sonst gibt es gleich wieder Risse", sagt Rainer Landowsky, der diesmal den Altarbau der Neu Hartmannsdorfer leitet. Die Gemeinde brauche einen Altar, der künftig beständiger bleibe als nur ein paar Jahre, meint Meike. Dafür wird viel Wachs gebraucht, mindestens 1000 Kilogramm, lauteten Schätzungen. "Das konnten die Neu Hartmannsdorfer nicht alleine stemmen", sagt Holger Ackermann, Sprecher des Brandenburger Landesimkerverbandes, der alle Berufskollegen in Berlin und Brandenburg um Hilfe bat. "Bienenwachs ist teuer, es zu kaufen könnte sich die Gemeinde nicht leisten."

Das ganze ist ein Experiment

Mehr als 600 Kilogramm sind seinen Angaben nach tatsächlich zusammengekommen und zwar durch Spenden von 56 Imkern aus ganz Deutschland, wie Ackermann betont. Zusammen mit den Resten des alten Altars stehen mehr als 900 Kilogramm zur Verfügung. Der neue Bienenwaben-Altar hat in der Mitte einen hohlen Kern dort hinein kommen Dokumente und Münzen "für die Nachwelt", wie Stein sagt. Für mehr Stabilität sorgen Drahtgeflechte, die beim Gießen mit eingearbeitet werden. "Das Ganze ist ein Experiment, weil keiner von uns schon bei der Entstehung des ersten Altars dabei war", sagt die ehemalige Katechetin, die sich freut, dass die Neu Hartmannsdorfer spätestens zur Adventszeit ihren neuen Schrein haben. Nach zwei Wochen vorsichtigen Gießens ist die Verschalung ausgefüllt. Geöffnet werden soll das Holzgestell allerdings erst in der nächsten Woche. Dann ist das Wachs hoffentlich ausgekühlt und hart.

Uckermarkkurier vom 28. November 2012

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