Autobahnkirche in Duben

Rettung vor dem Zusammenbruch

Von Jens Blankennagel

Duben – Autobahnkirchen sind recht selten. Die "Raststätte für die Seele" in Duben wurde vor 15 Jahren geschaffen. Sie war die erste in Brandenburg.

 
Lichter sollen brennen: Pfarrer a.D. Hans-Joachim Walzer entzündet in der Kirche die Kerzen am Adventskranz.
Foto: Berliner Zeitung/Gerd Engelsmann

Es gibt ein Bauwerk, für das das Örtchen Duben am Rande des Spreewaldes in Brandenburg bekannt ist: das Gefängnis. Der 2005 eröffnete Hochsicherheitstrakt steht am Ortsrand und ist von einer einschüchternd hohen Mauer umgeben. Duben hat aber noch ein zweites wichtiges Bauwerk – und das hat den 800-Einwohner-Ort bundesweit bekannt gemacht: die evangelische Gemeindekirche. Sie steht mitten im Ort und ist nicht etwa deshalb berühmt, weil sie ein hübscher kleiner Fachwerkbau ist, sondern weil sie eine Autobahnkirche ist – die erste in Brandenburg. Bundesweit gibt es etwa 40 Autobahnkirchen, Orte, an denen Christen und Nicht-Christen auf Reisen beten können oder Ruhe finden.

Das Gemäuer aus dem 17. Jahrhundert ist nur deshalb eine solche "Raststätte für die Seele", weil es Pfarrer Hans-Joachim Walzer wollte. Der heute 66-Jährige sorgte dafür, dass das desolate Gotteshaus ab dem 21. Dezember 1997 als eines der ersten in Ostdeutschland auch als Autobahnkirche diente. Dies ist fast auf den Tag genau 15 Jahre her.

Walzer stapft durch den Schnee vor der Kirche und zeigt, dass das Haus inzwischen an einigen Stellen schon wieder sanierungsbedürftig ist. Der Putz bröckelt. Walzer wohnt im vier Kilometer entfernten Örtchen Terpt und ist nicht mehr für die Gemeinde zuständig, sondern "Pfarrer in Ruhe". Trotzdem versucht er noch immer, mindestens einmal pro Woche in der Kirche zu sein. Nun geht er nur schnell hinein, macht das Licht an und eilt wieder hinaus. "Ich muss erst mal Schnee fegen", sagt er.

Nur noch ein Skelett

"Die Kirche war damals in einem erbarmungswürdigen Zustand", erzählt er und zeigt Bilder, auf denen nur noch das Fachwerkskelett des Gebäudes steht. "In der Hoffnung, mit Geld überschüttet zu werden, kamen wir auf die Idee, eine Autobahnkirche werden zu wollen."

Dass die Sanierung geklappt hat, liegt zum einen daran, dass das Gewerbegebiet in Duben gut lief und die Gemeinde 100 000 Euro beisteuerte. Dazu kamen 250 000 Euro aus der Partnergemeinde Vallendar in Rheinland-Pfalz sowie Spenden aus der eigenen Kirchengemeinde. "Aber von der Landeskirche haben wir nichts bekommen", sagt der Mann mit dem freundlichen Lächeln und dem langen weißen Bart.

Walzer ärgert sich, dass die Landeskirche seine intakte Gemeinde ignoriert hat. Denn nun will die Landeskirche eine ungenutzte Kirche am Berliner Ring für fast eine Million Euro zur landesweit dritten Autobahnkirche umbauen. "Das Geld wird ausgegeben für eine Kirche, die die Gemeinde verfallen ließ und in der es seit Jahren keine regelmäßigen Gottesdienste mehr gibt."

Walzer läuft durch die Dubener Kirche und ordnet die Faltblätter und Gebetsbücher, die für die Besucher bereit liegen, dann zündet er die Kerzen am Adventskranz an. Er erzählt, dass einige Frauen aus dem Ort die Kirche nicht nur sauber machen, sondern dafür sorgen, dass sie im Sommer jeden Tag von 6 bis 21 Uhr und im Winter von 6.30 bis 19 Uhr geöffnet ist. Autobahnkirchen sollen von 8 bis 20 Uhr offen stehen und höchstens einen Kilometer von einer Abfahrt entfernt sein, hier sind es 300 Meter. Außerdem sollen sie so groß sein, dass auch eine Busreisegruppe hineinpasst. Seit einigen Jahren gibt es auch Hinweisschilder an der Autobahn. Walzer erzählt, dass das lange dauerte. Es habe sich erst das sächsische Staatsministerium einschalten müssen, damit an der südbrandenburgischen Autobahn endlich Schilder stehen.

Walzer schätzt, dass etwa 1 500 Reisende jedes Jahr diese Kirche besuchen. "Viele kommen zufällig, weil sie das Schild gesehen haben. Andere hatten auf der Autobahn einen Beinahe-Unfall und wollen nach dem Schreck erst einmal innehalten." Es gebe auch Leute, die auf Montage fahren und ihre Woche jedes Mal damit beginnen, dass sie vorbeikommen. Die meisten wollen gar kein Gespräch mit dem Pfarrer, aber es gebe auch Weitgereiste, die nach einem Geistlichen suchen. Das sind beispielsweise Leute, die sich scheiden lassen wollen und die extra dort anhalten und nach einem Rat suchen, wo sie niemand kennt.

Picknick hinter der Kirche

Manche Leute machen im Sommer auch einfach nur ein Picknick hinter der Kirche. Wie wichtig dieser Ort ist, zeigen die Notizen im Buch am Eingang. "Schön, auf dem Weg nach Berlin das Zeichen der Kirche genau dann zu entdecken, wenn man gerade von seinem Kopf mit Problemen überrannt wird", schrieb jemand am 1. Dezember. Einige Tage früher: "Bitte Gott, mach meine geliebte Schwester wieder gesund."

Walzer zeigt auf den Altar und eine Besonderheit dieser Kirche. Über dem Bild mit der Auferstehung Christi hängt ein weiteres Bild, eine Seltenheit: eine kleine Darstellung Gottes, der seine Hände ausbreitet. Dann erzählt Walzer die Geschichte vom Kirchturm. Dort ist der weiße Putz genau wie am gesamten Gebäude von dunklen Fachwerkbalken durchzogen. Das war er früher auch, aber in der Nazi-Zeit störten sich einige daran, dass im Fachwerkmuster ein Davidstern zu erkennen war. Also wurde der Turm mit Holz eingeschalt, um die wahrscheinlich beabsichtigte Erinnerung an die jüdischen Vorläufe des Christentums zu überdecken. "Jede Kirche hat so ihre Besonderheiten und ist damit auch für Nicht-Christen interessant", sagt Walzer.

Informationen im Internet unter: www.autobahnkirche.info

Die erste Autobahnkirche
wurde 1958 im bayrischen Adelsried an der A 8 gebaut. Bundesweit sind es 39. Ihr Motto lautet: "Rastplätze für die Seele" oder "Ruhe tanken". Die Gotteshäuser zählen jedes Jahr etwa eine Million Besucher. Die Kirchen bleiben in der Zuständigkeit der Kirchgemeinden. Den Ausbau des Kirchennetzes an Autobahnen koordiniert bundesweit die "Akademie der Versicherer im Raum der Kirchen" (Versicherungen, die sich an Kunden im kirchlichen Umfeld richten).

Die Idee
ist angelehnt an jene klassischen Wegekapellen oder Andachtsmöglichkeiten, die seit dem Mittelalter für Wanderer, Pilgerer und Reisende am Wegesrand gebaut wurden.

In Brandenburg
gibt es derzeit zwei solcher Kirchen für Reisende. Beide sind evangelische Kirchen. Die erste befindet sich nahe der Autobahn A 13 Berlin–Dresden an der Abfahrt Duben. Sie ist seit dem 21. Dezember 1997 auch Autobahnkirche. Die zweite ist in Werbellin an der Autobahn A 11 Berlin–Stettin (Abfahrt Werbellin). Die Gemeindekirche ist seit dem 23. September 2001 auch Autobahnkirche.

Eine dritte Autobahnkirche in Brandenburg
soll in Zeestow bei Nauen in der Nähe des westlichen Berliner Rings entstehen. Das Problem: Das Gotteshaus von 1850 ist seit Jahrzehnten ungenutzt und baufällig, das Dach ist kaputt, der Putz ist von den Wänden gefallen. Als Zeichen des Umbauwillens fand im Juni 2011 der erste Gottesdienst seit 30 Jahren statt. Nun sollen mehr als 900 000 Euro investiert werden, um den Bau zu erhalten. Ab 2014 soll sie als Autobahnkirche dienen.

Eine Umfrage
unter den Gästen von Autobahnkirchen ergab: Die Besucher sind eher männlich als weiblich, sind mehrheitlich verheiratet und haben Kinder. Und sie sind eher katholisch als evangelisch. In der Zusammenfassung der Umfrage heißt es: Der typische Besucher ist ein "Autobahnkirchensponti, dessen Besuch eine ungeplante Kurzweilinsel zum religiösen Auftanken darstellt".

Viele Dorfkirchen in Brandenburg
verfallen, weil es immer weniger Kirchenmitglieder gibt. Von 1 400 Dorfkirchen waren in den 90er Jahren noch 800 in ihrer Existenz gefährdet. Auch durch das Engagement von Nicht-Christen konnten viele erhalten werden. Fast 200 sind noch baufällig.

Berliner Zeitung vom 23. Dezember 2012

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