Eine Kirche am Radweg wird zum Gästehaus

von Jeanette Bederke

Die einzige Radwegekirche in Brandenburg hat wieder für Besucher geöffnet. Bekannt ist sie bereits seit DDR-Zeiten. Trotzdem war ihr Schicksal lange ungewiss.

Das Café-Team vor der Radwegekirche Kienitz. Von links: Elke und Torsten Kohn, Angela Schneider und Jürgen Müller.
Foto: Johann Müller

Kienitz (ukk)

Auch wenn sie auf den ersten Blick nicht so aussieht: Die weiße Dorfkirche im Oderbruch-Örtchen Kienitz ist eine ganz besondere, nämlich die erste Radwegekirche Brandenburgs. Im Unterschied zu Radfahrerkirchen, von denen es schon einige gibt, muss ein so ausgeschildertes Gotteshaus alljährlich von Ostern bis zum Reformationstag frei zugänglich sein, Möglichkeiten der Rast und des Gebets sowie des seelischen Auftankens ermöglichen, zudem Sanitärräume und einen Service rund um das Reisegefährt von Radtouristen bieten.

"Dieses Qualitätssiegel hat die evangelische Kirche herausgebracht, die ersten solcher Radwegekirchen gab es in Niedersachen", erzählt Pfarrer Schneider, für den es keine Frage war, dass nach der Sanierung der Kienitzer Kirche auch dieser Sakralbau dazugehören muss. Schließlich steht er einen Steinwurf hinter dem Oderdeich, also in Sichtweite des Oder-Neiße-Radweges, der mit knapp 50.000 Radtouristen jährlich am stärksten frequentierten Trasse östlich von Berlin.

Pfarrerswohnung und Gebetsraum komplett umgestaltet

In die zweijährige Sanierung der Dorfkirche waren mehr als 400.000 Euro EU-Fördermittel, Gelder der Landeskirche und der Kirchengemeinde sowie Spenden geflossen. Im Inneren des ab 1829 erbauten Gotteshauses wurden die ehemalige Pfarrerswohnung und der Gebetsraum komplett umgestaltet. Es entstanden Dusch- und Toiletten-Räume, Küche, Schlafzimmer, eine kleine Fahrradstation und ein Café, das sich schon bald den Ruf erarbeitete, den besten, handgemachten Kaffee weit und breit anzubieten. Bei schönem Wetter sitzen die Gäste inmitten des einstigen Kirchenschiffes, vom dem nur noch die Außenmauern stehen.

Was den Pfarrer aufgrund der sinnvollen Nutzung seiner Kirche mit Stolz erfüllt, bedeutet für vier Enthusiasten aus der Region gastronomische Vorbereitungen und Stress mitten in einer Winterlandschaft. Denn pünktlich zum Ostersonntag soll ihr Caf "Himmel und Erde" in die neue Saison starten -- gemäß den Radwege-Kirchen-Kriterien. Und so haben Angelika Schneider und Jürgen Müller sowie das Ehepaar Kohn trotz Schnee und Eis alle Hände voll zu tun, um sich auf die Freiluftsaison einzustellen. Direkt im überdachten, bei Bedarf beheiztem Teil des Cafs gibt es nur 14 Sitzplätze, weitere 20 jedoch im Freien. "Wir könnten mehr Tische hinstellen, wollen wir aber nicht, damit der besondere Charakter erhalten bleibt. Klein, aber fein", erklärt Jürgen Müller.

So wie seine drei Mitstreiter kommt der Mediendesigner nicht "vom Fach", arbeitet jedoch eng mit der Kirchengemeinde zusammen. Ansporn ist ihnen das vielstimmige Lob, das sie nach der Eröffnung im vergangenen Jahr bekamen. "Selbst gestandene Christen sind angetan von dieser Nutzung als ein Ort der Ruhe und Entspannung", erzählt Angelika Schneider, deren Angaben nach Radfahrer den asphaltierten Weg über den Oderdeich lieben und gern eine Pause in Kienitz einlegen.

Schmalzstullen und Wurst vom regionalen Fleischer

Die Idee für das "Himmel und Erde" entstand vor gut vier Jahren. Kienitz steckte touristisch noch in den Kinderschuhen, es gab zwei Kneipen, aber kein "richtiges" Café mit wohlschmeckendem Kaffee aller möglichen Sorten und selbst gebackenem Kuchen, einer Spezialität der vier Seiteneinsteiger. Hinzu kommt ein kleines Imbissangebot mit einer Tagessuppe, Schmalzstullen und Wurst eines regionalen Fleischers mit Kartoffelsalat. Inzwischen gut nachgefragt ist das Café auch für Familienfeiern. Ergänzt werden soll das Angebot durch kleine musikalische Highlights, eine musikalische Andacht am Samstagabend und monatliche Konzerte.

Dass der Sakralbau bereits zu DDR-Zeiten überregional bekannt wurde, ist vor allem der Pfarrerswitwe Erna Roder zu verdanken. Ohne sie würde das Gotteshaus gar nicht mehr stehen, erzählt man sich in der Region. 1981, nach dem Tod ihres Mannes, begann Roder zu malen. Ihre naiven Bilder mit Kienitzer Ansichten und die zahlreichen Oderbruch-Landschaften in bunten Farben hatten einen ganz eigenen Charme. Sie sind legendär geworden, weil die Amateuer-Künstlerin sie verkaufte und aus dem Erlös dringende Erhaltungsmaßnahmen an der Kirche bezahlte. Ihr ist auch das heutige Erscheinungsbild des Sakaralbaus zu verdanken, der weiße Putz, der schon aus der Ferne das Kienitzer Dorfpa- norama ausmacht. Bis 2004 lebte sie an ihrem Wirkungsort, drei Jahre später verstarb sie in einem Pflegeheim.

Kohle- und Holzlager der Pfarrerswitwe wird zum Café

Wo heute das Café mit breiter Glasfront hin zum luftigen Kirchenschiff ist, war früher das Kohle- und Holzlager der Pfarrerswitwe. Kein Wunder also, dass der Geist von Erna Roder allgegenwärtig ist, nicht zuletzt durch eine Ausstellung über sie im Gemeinderaum. Das kann auch Corinna Lorenz bestätigen, die mit ihrem Mann Thomas Boström und Tochter Tamina seit zwei Jahren in der früheren Pfarrerswohnung lebt. Die Musikpädagogin hat Roder noch kennengelernt und weiß, dass viele Besucher noch nach ihr fragen. "Alles hier erinnert an sie die Speisekammer in der Küche, der Abstellraum gleich neben der Eingangstür und die alten Öfen, die alle noch funktionieren", erzählt die 46-Jährige, die einmal monatlich bei den Gottesdiensten in der Kirche Akkordeon spielt und zudem im Kirchenchor singt.

Am Anfang, erinnert sie sich, war es schon merkwürdig, durch das Kirchenportal in die Wohnung zu gehen. Inzwischen aber habe sich die Familie an die außergewöhnlich hohen Wände, die dicken Mauern und die vielen Besucher gewöhnt, die schon ab und zu unverhofft in der Wohnung stehen. "Das Café fängt in der Saison viel von dem Trubel ab. Da sind wir schon ganz froh", sagt Boström schmunzelnd. Einziger Wermutstropfen nach der Sanierung: Auf den Kirchturm darf man aus Sicherheitsgründen nicht mehr. "Da sind wir 1997 hinauf gestiegen, als wir erstmals hier waren. Bei dem traumhaften Blick konnte man sich nur in die Gegend verlieben."

Nordkurier vom 03. April 2013

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