Dahmer Kirchboden ist entgiftet

Spezialwäsche für belastete Holzteile des Kirchenschiffs / Gesamtkosten: 2,5 Millionen Euro

DAHME 24 Kubikmeter Giftstaub hat eine Spezialfirma aus dem Dachstuhl der Dahmer St. Marienkirche abgesaugt. Das sind vier prall gefüllte große Baucontainer, vergleicht Architekt Uwe Mücklausch. Mit Schutzmasken arbeiten sich Zimmerleute nun von einer Dachebene zur nächsten vor, sanieren oder tauschen beschädigte Hölzer aus. Dieser Tage beginnen zudem die Arbeiten im ebenfalls stark schadstoffbelasteten Kirchenschiff.

Containerweise Giftstaub haben Spezialisten abgesaugt. Nun haben die Zimmerer Baufreiheit, zur Vorsicht mit Schutzmaske.
Foto: be

Wie ein Haus im Haus ist die St. Marienkirche unter einem Schutzmantel aus Dachüberbauten und seitlichen Planen verhüllt. Dicke Folien bedecken zudem das Karree, in dem die ausgebauten Hölzer für den Abtransport zwischengelagert werden. Seit Jahresbeginn entgiften und sanieren Handwerker das Gebäude, in dem seit knapp zwei Jahren keine Gottesdienste mehr gefeiert werden dürfen.

Gefährlicher Giftcocktail

Gutachter hatten bei vorbereitenden Untersuchungen für eine geplante Dachstuhlerneuerung das gesundheitsschädigende und heute verbotene Holzschutzmittel Hylotox gefunden. Folgeuntersuchungen bestätigten schlimmste Befürchtungen. In den 1970er Jahren waren auch Holzteile im Kirchen-Innenraum wie Kanzel, Emporen und Bänke mit Giftstoffen eingepinselt worden. "Es ist nicht nur Hylotox, es ist ein ganzer Cocktail aus schädlichen Substanzen", sagt Uwe Mücklausch. Entsprechend penibel seien die Schutzvorkehrungen bei der Arbeit, fügt er an.

Neben dem Gift hat die Kirche ein weiteres Problem. Der Übergang zwischen Dach und Wänden ist von einem aggressiven Schwamm befallen, der sich schnell ausbreitet. An der Mauerschwelle mussten die Hölzer komplett ausgetauscht werden, weiter nach oben würde der Anteil geringer, sagt Uwe Mücklausch. Bevor die Zimmerer anrücken konnten, hatten Spezialisten den über viele Jahre angelagerten Giftstaub vom Dachstuhl abgesaugt. "Er wurde in einer Spezial-Verbrennungsanlage entsorgt", sagt der Planer. Die Holzarbeiten am Dachstuhl liegen im Plan, bis zum Herbst sollen sie abgeschlossen sein. Dank der dichten Umhüllung des Gebäudes seien sie im Winter weitergelaufen, erklärt er.

Kein Stäubchen dringt von oben ins Kirchenschiff. Auch dafür sorgt eine schützende Folienabdichtung. Die Winterkirche, ein vom Hauptschiff mit Glaswand und Zwischendecke abgetrennter Raum, sei nicht schadstoffbelastet gewesen und wurde inzwischen demontiert, so der Architekt.

Auf Schatzsuche

Von Profi-Entgiftern vorgereinigt und hinter einer Schalung verschlossen ist die Kanzel. Der Grund: Dieser Tage wollen Restauratoren links und rechts davon zwei historische Kirchenfenster wieder freilegen, die Anfang des 20. Jahrhunderts zugemauert worden waren. "Warum die Vorfahren zur Kelle griffen, ist nicht bekannt", erzählt Uwe Mücklausch. Spannend sei jedoch, was hinter der dicken Mauer zum Vorschein kommen wird. "Es kann ein Schatz sein, vielleicht aber auch nur ein kleiner Rest", so der Fachmann. Die Kirche soll diese beiden Fenster zurückbekommen, und sei es als Nachbau, kündigt er an.

Etwa in sechs Wochen soll dann die Grundsanierung der belasteten Holzteile im Kirchenschiff starten. Proben hätten ergeben, dass sie vor Ort entgiftet werden können. In der Kirche werden Fachleute in Vollschutzmontur dafür eine abgedichtete Werkstatt aufbauen. Jedes Teil, von den Kanzelelementen bis zur Kirchenbank, müsse dort hinein und werde einem Vakuum-Waschverfahren unterzogen, so der Planer. Gereinigte Teile würden getrennt von den anderen zwischengelagert, so dass Sauberes und Giftiges nicht miteinander in Kontakt komme, erklärt er.

Bis ihr Gotteshaus wieder nutzbar ist, brauchen die Christen der Dahmer evangelischen Gemeinde noch Geduld. "Die Arbeiten werden sich bis weit ins nächste Jahr erstrecken", sagt Uwe Mücklausch.

Zum Thema:

Die Gesamtkosten beziffert Pfarrer Carsten Rostalsky auf 2,5 Millionen Euro. Mehrere Geldgeber seien beteiligt. 1,1 Millionen Euro fließen aus dem Topf der Europäischen Union für den ländlichen Raum. 30 000 Euro will die Kirchengemeinde aufbringen. Wer helfen möchte, kann für 5,73 Euro einen Ziegel für das neue Dach erwerben und sich auf der Unterseite namentlich verewigen. Infos im Pfarrhaus an der Geschwister-Scholl-Straße.

Carmen Berg

Lausitzer Rundschau vom 17. Mai 2013

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