Offene Kirchen 2013: Mehr als 50 Kirchen im Havelland laden ein

Von Altar bis Zwiebelturm

"Macht auf", das sagt Hans-Wolfgang Keil zu anderen. Macht eure Kirchen auf, sagt der Mann aus Paretz. "Wir haben in zwölf Jahren absolut gute Erfahrungen gemacht", fügt er an. Er kennt die Bedenken wegen möglicher Zerstörung oder Diebstahl, aber dem begegnet er mit dem Bibelwort von den 99 Gerechten und dem einen schwarzen Schaf. In Paretz bleibt die Kirche geöffnet.

Von links oben, nach rechts unten: Sonntags ist die Pessiner Kirche am Nachmittag offen, sonst muss ein Schlüssel geholt werden. In Wagenitz besticht ein Votivgemälde der Familie von Bredow, in Dyrotz der Taufengel. Neugotik in Paretz und Feldsteinbau in Seeburg: Hier sind die Kirchen täglich offen. In Tremmen auf Anmeldung und auch an den Wochenenden. Nauen, Selbelang und Paaren im Glien auch hier können die Gotteshäuser besucht werden.
Quelle: MARLIES SCHNAIBEL, ANDREAS KAATZ, LOTHAR LEHNHARDT, KONRAD RADON

HAVELLAND. "Die Leute kommen, sie kommen anders heraus als sie hineingegangen sind", hat Hans-Wolfgang Keil beobachtet. Viele kommen angeradelt, manche beißen noch in den Döner, bevor sie eintreten, aber in der Kirche werden alle still, nehmen die Männer die Kopfbedeckung ab. "Der Gesichtsausdruck verändert sich", weiß der Paretzer, der mit seiner Frau oft in der Kirche anzutreffen ist.

Auch an anderen Orten ist es das Ehrenamt, das die Kirchen offen hält oder den Zugang zu ihnen ermöglicht. Im Havelland beteiligen sich 54 Gotteshäuser an der Aktion "Offene Kirchen 2013". Sie sind in der gleichnamigen Broschüre aufgelistet. Mit Ansprechpartnern und dem Hinweis auf kleine Besonderheiten.

Vor einem Jahrzehnt waren es gerade mal zwölf havelländische Kirchen, die sich an der Aktion beteiligten. Der Wustermarker Pfarrsprengel gehört zu denen, die schon lange dabei sind. Allerdings lassen die Wustermarker ihre Kirchen nicht permanent offen, sondern haben einen Schlüsselverantwortlichen in der Nähe, erklärt Pfarrerin Heike Benzin. "So viele kommen ja nicht", schätzt sie ein. Aber hin und wieder betreten Besucher die Kirchen, vor allem Dyrotz, Priort und Elstal sind gefragt.

Schlüsselmann ist auch Siegfried Stahl in Brädikow. Seit acht Jahren kümmert er sich um die Dorfkirche, von der nach einem Brand nur der Turm übrig blieb. "Selten kommen Besucher, hin und wieder Radfahrer", erzählt er. Dann geht er rüber zur Kirche und schließt das Vorhängeschloss auf.

Ein bisschen mehr hat da schon Hannelore Rißmann in Haage zu tun. Sie ist hier eine von drei Personen, bei denen sich Neugierige den Schlüssel holen können. Wer hier kommt, kommt meist gezielt, hat den Reiseführer in der Hand. Denn der verweist auf den besonders wertvollen Altar der Kirche, der aus dem Umfeld des barocken Schnitzmeisters Andreas Schlüter stammt.

Kulturinteressierte sind überhaupt diejenigen, die gezielt reisen. Das hat auch Heike Meißner in Tremmen ausgemacht. "Die Besucher haben sich oft Routen zusammengestellt, die auch über Markau, Markee und Ketzin führen", hat sie beobachtet. Tremmen ist dann dabei, ist die Wallfahrtskirche mit ihren markanten Zwiebeltürmen doch etwas Besonderes im Havelland. Bei Heike Meißner kann man sich den Schlüssel holen und einen Besuch anmelden. Am Wochenende jedoch steht die Kirche offen. "Das haben wir im Gemeindekirchenrat so beschlossen, wir wollen es versuchen", sagt sie.

Eigentlich sind es ja 55 Kirchen, die im Havelland zu erkunden sind. Nauens Jacobikirche steht allerdings nicht in der Broschüre. Die größte Kirche des Osthavellandes kann nach Anmeldung im Gemeindebüro besichtigt werden. Und in diesem Sommer wollen die Nauener probieren, das Haus am Martin-Luther-Platz am Wochenende für zwei, drei Stunden zu öffnen.

Die Broschüre "Offene Kirchen" hat in diesem Jahr als Themenschwerpunkt die Pilgerwege in Brandenburg ausgewählt. Die führten zwar nicht durchs Havelland, aber der heilige Jakobus hält auch hier über manche Kirche seine schützende Hand.

info: Die Broschüre "Offene Kirchen 2013", herausgegeben vom Förderkreis Alte Kirchen Berlin-Brandenburg hat 116 Seiten und kostet 4,50 Euro.

Märkische Allgemeine vom 02. Juli 2013

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