Ein Dorf reißt seinen Kirchturm ab

Groß Pinnow (MOZ) Ein ganzer Kirchturm ist in Groß Pinnow abgerissen worden. Es war beinahe fünf vor zwölf: Der hölzerne Turm war total vom Schwamm zerfressen. Die Kirchengemeinde will ihn wieder aufbauen lassen - schöner als zuvor.

Kirche ohne Turm: Bauleute haben den Turm der Kirche in Groß Pinnow bis aufs Mauerwerk abgetragen. Jetzt soll ein neuer Turm in Fachwerkbauweise errichtet werden. Er ist sogar zehn Meter höher als der alte.
© MOZ/Oliver Voigt

Es ist ungewöhnlich, wenn heutzutage ein Kirchturm abgerissen und wieder aufgebaut werden soll. Das Vorhaben ist teuer. Doch die Kirchengemeinde bekennt sich dazu. Und so ist Pfarrer Sebastian Gabriel zurzeit nicht nur für Gottesdienste und Seelsorge zwischen Tantow, Woltersdorf und Hohenselchow zuständig, sondern auch Bauherr. Beim aktuellen Vorhaben hat er so manche Überraschung erlebt.

Das Kirchengelände in Groß Pinnow ist eine Baustelle. Der Turm steht nicht mehr. Stattdessen überragt ein Kran das ganze Dorf. Bauleute haben den hölzernen Turm, der eigentlich noch ein Notturm von 1946 war, bis aufs Mauerwerk abgerissen. "Es musste dringend was geschehen. Wir hatten einen massiven Schwammbefall. Das war von außen gar nicht zu erkennen", erläutert der Pfarrer. Außerdem hatte der Turm eine gefährliche Schräglage und musste bei den Rückbauarbeiten gesichert werden, damit die Bauleute nicht selbst zu Schaden kommen. Die ganze Konstruktion drohte nach vorn zu kippen. Eine weitere Überraschung: Der Glockenstuhl war von Granatsplittern völlig durchlöchert.

Das muss nicht verwundern. Wie Einwohnerin Luise-Lotte Schuster in einer Chronik festgehalten hat, ist der Fachwerkturm in den Kriegstagen im April 1945 von der herannahenden Front beschossen und getroffen worden. 1949 wurde die zerstörte Turmspitze abgenommen und durch ein Satteldach ersetzt.

Jürgen Großklas verficht als Mitglied im Gemeindekirchenrat das Bauvorhaben. Er sagt: "Wir sind ein Dorf mit 300 Einwohnern, da sind nicht alle Christen. Manche bezweifeln, dass der Abriss wirklich notwendig war. Aber denen sage ich: Guckt Euch die morschen Balken an. Der Schwamm ist drin. Es ist ein Wunder Gottes, dass der Turm nicht von allein umgestürzt ist."

Beim Abriss haben die Bauleute Kugel und Wetterfahne geborgen. Sie sollen demnächst geöffnet werden. Pfarrer Gabriel erwartet dabei die nächste Überraschung.

Bis zum 3. November soll der neue Kirchturm fertig sein. Er wird zehn Meter höher als der alte und bekommt sogar eine Uhr. Dass der Turm schon einmal einen Zeitmesser hatte, belegen Urkunden von 1862.

Im zweiten Bauabschnitt, der 2014 beginnt, sanieren Handwerker unter anderem das Kirchenschiff und das Dach. Ausführende sind ortsansässige Betriebe. "Das war uns wichtig, dass Firmen hier arbeiten, die einen Bezug zur Region haben", sagt Sebastian Gabriel.

Die komplette Kirchensanierung wird über 600 000 Euro kosten. Dem Pfarrer ist es gelungen, Fördermittel zu bekommen. Doch 35 Prozent der Bausumme muss die Kirchengemeinde tragen. Den Gemeindegliedern liegt der Wiederaufbau am Herzen. Beispielsweise haben die Eheleute Kotula dafür gesorgt, dass eine Kamera ständig Bilder der Bauarbeiten ins Internet überträgt.

Webcam anklicken auf www.pfarrsprengel-hohenselchow.de.

Märkische Oderzeitung vom 02. Juli 2013

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