Ratzdorfer Kirche strahlt wieder

Ratzdorf (MOZ) Bescheiden aber würdevoll wirkt die Ratzdorfer Kirche, die vor über 55 Jahren aus einer Scheune entstanden ist. Frisch saniert zieht sie die Blicke im Dorf auf sich. Die Wiedereinweihung wird am Sonntag um 15 Uhr mit einem Gottesdienst gefeiert.

Spiel mit dem Licht: Pfarrer Uwe Weise erklärt, dass die Wand hinter dem Altar wieder in ihrem ursprünglichen Farbton gestaltet wurde
© MOZ/Lina Hatscher
 
Außenansicht: Weiß gestrichen mit goldener Bekrönung zieht die Kirche wieder die Blicke in Ratzdorf auf sich.
© MOZ/Lina Hatscher

Weiß strahlt die Fassade, zarte grüne Halme bahnen sich ihren Weg durch die Erde davor. Die Sanierung der Ratzdorfer Kirche ist abgeschlossen, Farbgeruch hängt noch in der Luft. Nun stehen nur noch die letzten Arbeiten im Innenraum an. Vor der Kirche werden noch Fahrradständer und zwei Schautafeln angebracht. Denn seit gut fünf Jahren ist sie eine von zwei Radfahrerkirchen am Oder-Neiße-Radweg. Außerdem wird eine überarbeitete Ausstellung im Inneren zu sehen sein, die die Orts- und Kirchengeschichte, die Hochwasserkatastrophen sowie das Kreuz der Begegnung erläutert.

Am Sonntag wird ab 15 Uhr - ursprünglich war 14 Uhr geplant - die Wiedereinweihung mit einem Gottesdienst und einer Feierstunde begangen. Es wird auch der Film gezeigt, der für die Ausstellung erstellt wurde. Darin wird der Umbau der Scheune in eine Kirche dokumentiert und Zeitzeugen kommen zu Wort. Auch im Internet ist die Kirche als Punkt für Radfahrer gekennzeichnet (www.radwegekirchen.de).

Die Baumaßnahme, die mit EU-Förderung finanziert wurde, hat insgesamt knapp 220000 Euro gekostet. Die geplanten Kosten sind eingehalten worden, sagte Petra Kobalz. Sie ist die Bauverantwortliche bei den Kirchenkreisen Fürstenwalde-Strausberg sowie Oder und Spree. "Es waren einige Handwerker aus der Region beteiligt, sie haben gute Arbeit geleistet." Eine kleine Verzögerung im Ablaufplan habe sich durch den langen Winter ergeben. Neben dem Anziehungspunkt Kloster Neuzelle habe die Region mit der Ratzdorfer Kirche ein weiteres Kleinod zu bieten. Ein Zeitzeugnis wird das Gebäude bleiben, denn nur wenige neue Gotteshäuser entstanden zu DDR-Zeiten. Die weitere DDR-Kirche ist in Alt Stahnsdorf bei Storkow zu finden, erklärt Petra Kobalz.

Über dem Portal steht der Satz: "Das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich." Dies ist eine der wenigen Veränderungen zum ursprünglichen Zustand, die vorgenommen wurden, erklärt Pfarrer Uwe Weise. Und die neue Bekrönung wurde vergoldet. Symbole des Glaubens treten so stärker hervor. Solch Schmuck war zu DDR-Zeiten, als die Kirche eingeweiht wurde, nicht denkbar, denn schon das Gebäude erregte Misstrauen. Entstanden war das Gotteshaus aus der ehemaligen Pfarrscheune. Als Geistlicher war Karl Tiedeke in der Gemeinde tätig, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg abgeschnitten von ihrer Kirche wiederfand. Denn zum Gottesdienst waren die Ratzdorfer mit einer Fähre gefahren. Und so entschlossen sich Gläubige aus der Region, die Scheune in ein Gotteshaus zu verwandeln. Ein Turm wurde angesetzt, Fenster mit Bleiverglasung gestaltet und mit einfachen Mitteln eine feierliche Atmosphäre geschaffen. Die Prinzipien der Gestaltung, klare Linien und Materialtreue, erinnern an die Bauhaus-Schule, meint Uwe Weise. "Im Innenraum ist ein starkes Spiel mit dem Licht zu erkennen." Die Kanzel ist aus geschliffenem Sandstein hergestellt, ebenso das Taufbecken. Auf dem Altar steht ein Kreuz, das mit einem Mosaikbild Christi gestaltet ist. Die Wand dahinter leuchtet in einem satten Rot. "Wir hatten die Vermutung, dass die Wand ursprünglich diesen Farbton hatte, Untersuchungen der Restauratorin Dorothee Schmidt-Breitung haben dies bestätigt", erklärt der Pfarrer. Als Ausstellungs- und Radfahrerkirche wird die Kirche Besuchern offen stehen, damit die Geschichte von der Beharrlichkeit des Glaubens, die in ihr steckt, weitergetragen wird. Biografien der Menschen aus der Umgebung bündeln sich dort, erklärt Uwe Weise. Durch die Dokumentation der Hochwasser werde dieser Teil des kollektiven Gedächtnisses bewahrt. "Das hat auch eine seelsorgerische Funktion. Denn so wird greifbar, dass die Menschen seit Generationen damit umgehen, was die Angst nehmen kann."

Märkische Oderzeitung vom 04. Juli 2013

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