Ein Dorf gegen Vattenfall

von Haiko Prengel

Trotz Energiewende boomt der Braunkohle-Abbau. In der Lausitz kämpfen von der Abbaggerung bedrohte Dörfer gegen die Energielobby aber die Bürger bekriegen sich auch untereinander

Widrigen Zeiten hat Atterwasch häufig getrotzt. Das alte Bauerndorf in der Niederlausitz überstand schon den 30-jährigen Krieg. Doch wenn die gewaltigen Schaufelradbagger von Vattenfall anrücken sollten, werden selbst die aufmüpfigen Atterwascher aus ihrer Heimat flüchten müssen. "Wir sind noch zu retten!", steht kämpferisch an einem Einfamilienhaus am Ortseingang.

Solche Durchhalteparolen sind überall im Ort zu finden, auch wenn viele der 250 Einwohner kaum mehr an die Rettung glauben. Zu mächtig scheint der schwedische Energiekonzern Vattenfall, der seine Braunkohle-Tagebaue in Brandenburg bald großräumig erweitern will.

Deutschlands Energiehunger wächst alleine für den Ausbau der Braunkohle-Lagerstätte Jänschwalde-Nord bei Cottbus sollen drei ganze Dörfer weichen: Grabko, Kerkwitz und Atterwasch. Aber noch kämpfen die Dorfbewohner erbittert gegen ihre Umsiedlung, und dieser Kampf dauert schon jahrelang.

Einer der Anführer ist ausgerechnet ein Pastor. Matthias Berndt ist seit 1977 der Pfarrer von Atterwasch. Der Mann mit der randlosen Brille sieht zwar harmlos aus, aber er ist ein zäher Gegner der Braunkohleindustrie. Dabei muss Berndt als Seelsorger für die Lausitzer Bergbau-Region eigentlich politisch neutral bleiben. Denn es kommen auch die Bergleute zu ihm und bitten ihn um Beistand - also diejenigen, die vom Braunkohleabbau leben. "Ich muss Seelsorger für alle sein", sagt Pfarrer Berndt. Das heiße aber nicht, dass er keine eigene Meinung haben dürfe.

Und so hat der 64-Jährige die Atterwascher Kirche, um 1300 erbaut und eigentlich ein Ort des Friedens, zu einer Trutzburg gegen die Braunkohle-Lobby gemacht. Schon am Eingang zum Pfarrhaus passieren Besucher einen Infostand. "Zukunft heißt Widerstand" und "Gegen neue Braunkohletagebaue" steht mahnend auf bunten Pappkärtchen. Sogar die Zehn Gebote führt der Geistliche als Argument an: "Du sollst nicht begehren Deines Nächsten Haus" heißt es auf einer Ansichtskarte. Darauf droht eine hübsche alte Dorfkirche von einem riesigen Bagger vertilgt zu werden.

In Zeiten der Energiewende scheint es paradox, aber: Braunkohle ist derzeit, salopp gesagt, voll im Trend. Im vergangenen Jahr stieg die klimaschädliche Stromproduktion aus Braunkohle auf den höchsten Wert seit 1990, wie die Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen jüngst mitteilte. Danach wurden 2013 in Deutschland nach vorläufigen Zahlen über 162 Milliarden Kilowattstunden Strom in Braunkohlekraftwerken erzeugt 1990, als noch viele DDR-Meiler liefen, waren es knapp 171 Milliarden Kilowattstunden. Besonders im Rheinland und in der Lausitz wird Strom aus Braunkohle produziert. Daher rechnen die Umweltexperten mit einem erneut gestiegenen CO2-Ausstoß in Deutschland - und das trotz der milliardenschweren Förderung von Ökoenergie.

Astrid Hobracht glaubt felsenfest an die Zukunft der Braunkohle. Der Strom komme schließlich nicht von selbst aus der Steckdose, sagt die 51-Jährige am Steuer ihres Geländewagens. In einem weißen Vattenfall-Auto geht es hinab in den Tagebau Jänschwalde. Der Wagen quält sich durch dunkelbraunen Morast, es schaukelt wie auf einem Schiff in schwerer See. Ringsum türmt sich die Erde viele Meter hoch, immer wieder kommen schwere Laster entgegen. Hobracht muss im tiefen Schlamm ausweichen.

Die hemdsärmelig wirkende Frau ist die Leiterin des Vattenfall-Besucherzentrums in Jänschwalde, sie fährt regelmäßig Schulklassen und andere Interessierte in den Tagebau. "Flexibel und unverzichtbar" oder "Braunkohle im Energiemix": Auch Hobracht kann mit einer Menge Info-Material aufwarten. Unten im Tagebau erklärt sie, wie die bis zu 3000 Tonnen schweren Schaufelradbagger arbeiten, bei Wind und Wetter. Die Ungetüme hätten schon zu DDR-Zeiten Braunkohle gefördert, sagt Hobracht stolz. "Der älteste Bagger ist von 1976." Hobracht wuchs in Lübbenau im Spreewald auf. Schon als junge Frau zog es sie in den Bergbau: Sie machte eine Ausbildung als "Maschinistin für Tagebau-Großgeräte", dann studierte sie Bergbau und wurde Ingenieurin. Ihren Ehemann lernte Hobracht im Lausitzer Bergbau-Tagebau kennen, und der Sohn - "der arbeitet auch hier", sagt die Mutter, als sei es eine Selbstverständlichkeit. Vattenfall, das ist für Astrid Hobracht eine große Familie. Natürlich könne sie die Ängste der Menschen in Atterwasch und den anderen bedrohten Dörfern verstehen, sagt die Ingenieurin. Aber man müsse auch an die 8000 Kollegen denken, die hier in der Lausitz von Abbau und Verstromung der Braunkohle lebten. Bei denen gehe es ebenfalls um die Existenz.

Einige Kilometer entfernt in Atterwasch macht Pfarrer Berndt eine böse Entdeckung. Unbekannte haben eines der Anti-Braunkohle-Schilder abgerissen. "Unser Beitrag zum Klimawandel: Atterwasch bleibt" stand auf dem Holzschild, seit 2007 hing es direkt vor der Dorfkirche. Ein Streich der Dorfkinder? Nein, sagt Berndt, die Sache habe einen politischen Hintergrund. Nicht alle Einwohner in Atterwasch und den Nachbardörfern seien nämlich gegen Vattenfall. Ein Teil befürworte die Abbaggerung etwa Neuzugezogene, die wieder weg wollten und sich schon auf die finanzielle Entschädigung freuten, die Vattenfall jedem Bewohner bei einer Zwangsumsiedlung zahlen muss. "Das spaltet die Bewohnerschaft", sagt Pfarrer Berndt mit ernster Miene. Bei manchen gehe der Nachbarschaftsstreit merklich an die Substanz, das erfahre er bei seinen vielen Seelsorge-Gesprächen.

In Proschim soll der Hass zwischen Vattenfall-Freunden und -Gegnern so weit gegangen sein, dass die Polizei kommen musste. In dem Ortsteil von Welzow will Vattenfall ebenfalls einen Tagebau erweitern und Hunderte Menschen umsiedeln. In Proschim seien in mehreren Nächten die Briefkästen von Braunkohlegegnern gesprengt worden, erzählt Christian Huschga, ein Nachbar von Pfarrer Berndt.

Die Aktion sei "ein Verdienst der IG BCE", so Huschga verächtlich. Die Gewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie lasse keine Gelegenheit aus, um die hiesige Bevölkerung gegen die Gegner der Braunkohleindustrie aufzuhetzen.

Huschga ist ein engagierter Mitstreiter von Dorfpfarrer Berndt und diskutiert gerne über die politischen und wirtschaftlichen Detailfragen. Dass neue Tagebaue notwendig seien, um Deutschlands Energieversorgung zu sichern, sei Quatsch, meint der 43-Jährige. Experten hätten vorgerechnet, dass die bestehenden Tagebaue noch 20, 30 Jahre lang ausreichten, um das Land mit Braunkohle zu versorgen. Die Erschließung des Bodens unter Atterwasch und den anderen Dörfern werde für eine Zeit geplant, in der Deutschland nach dem Plan der Bundesregierung schon aus der Braunkohle ausgestiegen sein müsste. "Das ist ja der ganze Unsinn", meint Huschga. Das Land Brandenburg könne sich im Grunde schon jetzt völlig autark mit regenerativen Energien versorgen. "Aber wir sollen weggebaggert werden, damit Vattenfall seinen Braunkohle-Strom weiter exportieren kann", schimpft der Vater zweier Kinder.

Für den Cottbuser Vattenfall-Sprecher Thoralf Schirmer ist Huschgas Rechnung eine "sehr kühne Prognose". Dass die Braunkohle in den vorhandenen Tagebauen für die nächsten 20, 30 Jahre ausreiche, sei keineswegs sicher, sagt Schirmer, der an diesem kalten Januartag mitgefahren ist in die Jänschwalder Kohlegrube. Im Gegenteil: Um ein "stabiles Niveau" der Stromerzeugung im Land aufrechtzuerhalten, seien die genehmigten Tagebaue notwendig, erklärt der Sprecher im tiefen Gruben-Schlamm. "Danach brauchen wir Anschluss." Immer mehr Braunkohle-Verstromung und die Energiewende - aus Vattenfall-Sicht ist das nicht einmal ein Widerspruch. Braunkohle sei ein "Partner" der erneuerbaren Energien, betont Schirmer.

Am Ende wird die Politik entscheiden, was aus der Lausitzer Braunkohleregion wird. Noch laufen die Raumordnungsverfahren aber 2015, spätestens 2016 oder 2017 werde die Brandenburger Landesregierung per Kabinettsbeschluss über die Erweiterung der Tagebaue entscheiden, ist sich Pfarrer Berndt sicher. Immerhin hat für die Anwohner dann die zermürbende Warterei ein Ende. Über die Abbaggerungspläne wurden die Atterwascher nämlich schon 2007 von Vattenfall informiert per Brief. Das Schreiben sei durchaus sachlich und nicht unfreundlich gewesen, erinnert sich Berndt nur die letzte Zeile sei irgendwie sarkastisch gewesen. Der Vattenfall-Brief an die Atterwascher endete mit dem Gruß der Bergleute: "Glückauf!"

HINTERGRUND

Der Fall Horno und Stolpes Versprechen

Brandenburgs früherer Ministerpräsident Manfred Stolpe (SPD) hatte vor mehr als zwölf Jahren versprochen, Horno sei das letzte Dorf, das der Braunkohle weichen muss. 2005 wurde es abgerissen, die Kirche gesprengt, der Kampf der Bewohner wurde zum Symbol für den Widerstand gegen die Braunkohle. Jetzt soll nach den Plänen des Energiekonzerns Vattenfall nicht nur Proschim für den Tagebau Welzow-Süd II weichen. An anderer Stelle will Vattenfall einen weiteren Tagebau fortsetzen. Für den neuen Tagebau Jänschwald-Nord sollen die Dörfer Atterwasch, Grabko und Kerkwitz abgebaggert werden. Im nächsten Jahrzehnt könnten sie von der Landkarte verschwunden sein. Axf

Potsdamer Neueste Nachrichten vom 22. Januar 2014

   Zur Artikelübersicht