Freyenstein

Das Geheimnis der Kugel wird gelüftet

Der Kirchturm in Freyenstein ist eine große Baustelle. Insgesamt mehr als hundert Meter Risse müssen geschlossen werden. Die Sanierungsarbeiten förderten auch eine bauhistorische Überraschung zutage.

Höher geht es nicht: Friedhelm Kanzler an der Wetterfahne der Kirche in etwa 35 Metern Höhe.
Quelle: Björn Wagener
 
Marek Fiedorowicz vom Büro IBS begleitet die Bauarbeiten.
Quelle: Björn Wagener
 
Maurer Michael Marquardt bei der Arbeit.
Quelle: Björn Wagener

Freyenstein. In Freyenstein wird demnächst ein Geheimnis gelüftet. Die Metallkugel hoch oben auf dem Kirchturm soll geöffnet werden. Das kündigt Birgit Kanzler, die Vorsitzende des Gemeindekirchenrates, an. Einen Termin gebe es noch nicht. Aber die Gelegenheit ist günstig. Denn der Turm ist zurzeit eingerüstet, weil er saniert wird. Die Kugel sei zuletzt in den 1950-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts geöffnet worden. Man darf also gespannt sein, was sich darin befindet. Gleichzeitig sollen natürlich auch Zeitzeugnisse aus dem Jahr 2017 in den Behälter gesteckt werden – die spätere Generationen womöglich mit ebenso viel Interesse irgendwann einmal entdecken werden.

Die Sanierung lässt keinen Bereich am Kirchturm aus. Der Holzturm, der Glockenstuhl, die Kirchturmuhr, das Läutwerk, das komplette Dach und die Fassade sind eingeschlossen. Kosten: Rund 290 000 Euro. Sie kommen zum größten Teil aus Leader-Fördermitteln, aber auch die Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz (Ekbo), der Kirchenkreis; die Deutsche Stiftung Denkmalschutz (DSD) und die örtliche Kirchengemeinde haben Geld beigesteuert. Die Rechnung könnte am Ende aber noch etwas höher ausfallen als zunächst geplant.

Mittel werden nachbeantragt

Laut Friedhelm Kanzler von der Kirchengemeinde müssten „Mittel begründet nachbeantragt werden“, was an gestiegenen Holzpreisen liege. Dazu seien noch Abstimmungen mit den Fördermittelgebern nötig. Auch die Umsetzung dieser Arbeiten verzögert sich. Die Zimmerer sollten eigentlich etwa zeitgleich mit den Maurern beginnen, seien aus Kapazitätsgründen aber bislang noch nicht auf der Baustelle. Immerhin ist aber alles vorbereitet. Das Dach ist abgedeckt, sodass es am Dachstuhl rasch losgehen kann, wenn es so weit ist.

Immerhin gehen die äußeren Arbeiten planmäßig voran. In wenigen Tagen sollen sie bereits abgeschlossen sein. Maurer haben die meisten Risse inzwischen geschlossen. „Alle zusammengerechnet, waren sie etwa 100 Meter lang“, sagt Marek Fiedorowicz vom baubegleitenden Ingenieurbüro für Baustatik und Sanierungsplanung (IBS) in Berlin. Manche von ihnen seien so breit gewesen, dass man einen Arm hineinstecken konnte. Inzwischen macht der Turm wieder einen durchweg soliden Eindruck, auch wenn das Baugerüst die Blicke noch fernhält.

Die Uhr wird erneuert

Demnächst werde es um die Erneuerung der Uhr samt ihres recht einfach gehaltenen Ziffernblattes gehen, sagt Friedhelm Kanzler. Allein für letzteres werden vier neue Ziffernblätter, acht neue Zeiger und vier neue elektrische Uhrenwerke angeschafft werden müssen. Die Kosten dafür stünden noch nicht fest. Die alte Uhr solle dann aber dauerhaft in der Kirche zu besichtigen sein.

Turm ist eine Kopie

Der Turm sorgte außerdem für eine Überraschung. Er sei jünger als bisher angenommen. Das hat Bauarchäologe und Kunsthistoriker Dirk Schumann festgestellt. Er datiert das Baujahr auf etwa 1700. Bisher war vom frühen 16. Jahrhundert ausgegangen worden. „Man hat versucht, einen mittelalterlichen Turm zu kopieren. Erst bei genauerem Hinsehen zeigt sich anhand der Bautechnik, dass er später entstand“, sagt Schumann. Die Fensterbögen und Türöffnungen seien zudem nicht nachträglich eingesetzt worden. „Der gesamte Turm ist in einem Guss gebaut worden.“ Möglicherweise sei er im Dreißigjährigen Krieg zerstört worden, und man wollte ihn möglichst originalgetreu wieder herrichten.

Dass der Freyensteiner Kirchturm den Schein des Mittelalters so lange wahren konnte, liege daran, dass er offenbar nie zuvor genau untersucht wurde. „Von weitem sieht man das nicht“, sagt Schumann und zollt dem Werk der früheren Bauleute durchaus Respekt. Nur wenn das Mauerwerk direkt aus der Nähe begutachtet werden kann, sei der Baustil an bestimmten Details als Kopie zu entlarven. Genau diese Gelegenheit boten die jetzigen Sanierungsarbeiten.

Von Björn Wagener

Märkische Allgemeine vom 29. September 2017

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