Bau einen Turm, der uns beschützt…
Kirchturmfest in der „Heiliggeist-Arena“ von Hohenjesar am 13. Juni 2026
Foto: Philipp SchauerDie Kirche von Hohenjesar (siehe Titelbild) ist eine Ruine, die erst seit 2007 durch ein provisorisches Blechdach geschützt wird. Der Putz blättert von den Wänden, zahlreiche Stuckelemente fehlen, die wenigen Malereien an den Wänden sind verblasst. Und dennoch strahlt der Innenraum mit einfachem Holzkreuz an der Wand und einem schlichten Altar etwas aus. Der Raum wirkt großzügig, hoch und breit. Es ist also nicht ganz abwegig, wenn Stefan Felmy, Pfarrer im Ruhestand und Neffe des Tatort-Kommissars Hansjörg Felmy, die Parallele zu einer Fußballarena zieht und uns willkommen heißt in der „Heiliggeist-Arena“. Schließlich ist Fußball überall – vor allem im Zeichen der gerade beginnenden Fußballweltmeisterschaft.
Die Kirche wurde 1721–1723 von der Patronatsfamilie von Burgsdorff erbaut. In den letzten Kampfhandlungen des zweiten Weltkrieges wurde der Turm von der Wehrmacht als Artilleriebeobachtungsstelle benutzt und die Kirche durch Einschüsse beschädigt. Aber die eigentliche Zerstörung erfolgte erst nach 1945. Das bereits für die Wiederherstellung gespendete Baumaterial wurde auf Anweisung des Bürgermeisters abtransportiert und anderweitig verbaut, die Dacheindeckung abgenommen, der Dachstuhl abgebrochen, das Inventar geplündert. Auch das barocke Herrenhaus der Burgsdorffs wurde abgetragen. Die Gemeinde nutzte danach zusammen mit der katholischen Gemeinde die 1920 durch russische Kriegsgefangene erbaute hölzerne Friedhofskapelle. Für den stehengebliebenen Turm schaffte sie neben der einen verbliebenen Glocke noch zwei weitere an. Der Turm selbst wurde 1965 instandgesetzt und als Aussichtsturm genutzt. Das Kirchenschiff jedoch verfiel und war zunehmend einsturzgefährdet.
2004 gründete sich ein Förderverein, der in mehreren Arbeitseinsätzen die Ruine von Wildwuchs befreite und im Turm ein Vereinszimmer einrichtete. Der Verein gehörte 2006 zu den Preisträgern der FAK-Aktion „Startkapital für Kirchenfördervereine“. 2007 wurden die Mauerkronen gefestigt und ein provisorisches Blechdach aufgesetzt. In der Ruine wurden nun wieder Gottesdienste gefeiert, es gab und gibt Konzerte, Stummfilmkino und auch die jugendlichen “Kirchengeister” sind aktiv.
Aber leider bedarf der Turm nun erneut dringend der Sanierung. Daher diente das Kirchturmfest der Spendensammlung für den Turm. Nicht von ungefähr wurde das Lied „Bau einen Turm, der uns beschützt …“ gesungen. Der „Döbberiner Chor EinhundertZehn“ trat auf und auch der Kinderchor der russisch-orthodoxen Gemeinde in Berlin. Die orthodoxe Gemeinde Frankfurt (Oder) will in Zukunft die Kirche des benachbarten Treplin für Gottesdienste nutzen. Der von ca. 120 Personen besuchte Festgottesdienst in Hohenjesar war auch der Anlass, die fünf spendenfinanzierten neuen Fenster zu feiern, die gerade eingesetzt worden waren.
Hohenjesar war der Stammsitz der Familie von Burgsdorff und neben der Kirche liegt ihre Familiengrabstätte, die durch zwei Mosaike geschmückt ist. Eines der Gräber birgt die Reste des in Namibia gestorbenen Amtmanns Henning von Burgsdorff, der zu Beginn des Aufstands der Nama von einem Aufständischen erschossen wurde, als er mit deren Anführer Hendrik Witbooi verhandeln wollte. Der unermüdliche Pfarrer Felmy will deshalb ein Schulprojekt zum kulturellen Austausch und zur Versöhnung mit Namibia anstoßen.
Philipp Schauer