BUCHTIPP
Gottesspuren. Das christliche Europa vor seiner Entzauberung.

Volker Leppin ist nach langjähriger Tätigkeit als Reformationshistoriker in Heidelberg, Jena und Tübingen seit 2021 Professor für Historical Theology an der Yale University in New Haven im US-amerikanischen Connecticut. Nun hat er nach eigenen Angaben sein „persönlichstes Werk“, ein großes, gelehrtes und zugleich sehr gut zugängliches Buch über die religiöse Geschichte Europas zwischen 800 und 1800 vorgelegt. Auf gut 650 Seiten entfaltet er die Wahrnehmungen, Vorstellungen und Mentalitäten der Zeit vor der Aufklärung, die sich dann auch in den zahlreichen in dieser Zeit entstandenen Kirchenbauten widerspiegeln: Wie erlebten Menschen in der Vormoderne die Welt, wenn Gott für sie nicht fern, sondern buchstäblich „unter jedem Baum lauern“ konnte?
Leppin schreibt damit gegen zwei verbreitete Verkürzungen an. Er will weder eine triumphale Erfolgsgeschichte der Aufklärung erzählen, als habe die Vernunft endlich den Aberglauben besiegt, noch eine nostalgische Verfallsgeschichte, in der die Moderne nur als Verlust erscheint. Stattdessen blickt er auf die Ambivalenzen der europäischen Entwicklung. Die Vormoderne war auch eine Welt der Gewalt, Unterdrückung und Ausgrenzung.
Die Reformation wird dabei nicht als harte Zeitenwende, sondern als Teil eines längeren religiösen Kontinuums verstanden – erkennbar in der ungebrochenen Weiternutzung der (katholischen) Kirchengebäude nach der Einführung der Reformation in Brandenburg. Selbst im konfessionell gespaltenen Europa bestand noch lange ein gemeinsamer Horizont religiöser Wirklichkeit.
Leppin schreibt unprätentiös, klar und erzählerisch. Die große Historie des religiösen Europas gliedert sich in viele kleine, gut lesbare Kapitel, die auch einzeln funktionieren. Das macht die Lektüre nicht nur für Fachleute attraktiv, sondern auch für ein gebildetes allgemeines Publikum. Hinzu kommt die starke Bildkraft der Darstellung. Leppin macht die vormoderne Welt plastisch, indem er an konkreten Beispielen zeigt, wie Menschen Gott in Geschichte, Natur, Schrift, Kunst und Leiblichkeit wahrnahmen. Zahlreiche Farbtafeln ergänzen dies. Dadurch entsteht kein abstraktes Panorama, sondern ein erfahrbarer Denkraum. Auch wenn der Kirchenbau kein eigenes Kapitel erhalten hat: Die hier beschriebenen Mentalitäten und Erfahrungen spiegeln sich nicht selten auch in den in diesen Jahrhunderten errichteten sakralen Gebäuden und ihrer Kunstwerke, so dass das Buch eine wichtige Hintergrunderzählung bietet.
Das Buch zeigt, dass Geschichte offen ist und Gegenwart nicht alternativlos sein muss. Wenn unsere Welt anders ist als die Vormoderne, dann kann auch die Zukunft anders werden als das, was heute selbstverständlich erscheint. Leppins Buch ist damit nicht nur eine historische Darstellung, sondern auch eine Einladung, die Gegenwart weniger eng und die Vergangenheit weniger klischeehaft zu sehen. Christine Siegl
Volker Leppin
Gottesspuren. Das christliche Europa vor seiner Entzauberung. Vom frühen Christentum bis zur Aufklärung
Herder-Verlag, Freiburg/Basel/Wien 2026
1. Auflage 2026, 656 Seiten, gebunden mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-451-07335-9
Preis: 38 Euro / 27,99 Euro (eBook)
