31.03.2021  –  Märkische Oderzeitung

Als die berühmten Bleiglasfenster zurück in die Marienkirche Frankfurt (Oder) kamen

Bald ist es 20 Jahre her, dass die Marienkirche ihre berühmten Bleiglasfenster zurückbekommen hat. Vor wenigen Tagen entschieden die Stadtverordneten von Frankfurt (Oder), wie es mit der Kirche im Herzen der Stadt weitergehen soll.

31. März 2021, 06:00 Uhr•Frankfurt (Oder) 
Von Lisa Mahlke

Pfarrer i.R. Helmuth Labitzke, Reinhard Richter und Gabriele von Cysewski vom Förderverein St. Marienkirche Frankfurt (Oder) vor dem Nordportal
Pfarrer i.R. Helmuth Labitzke, Reinhard Richter und Gabriele von Cysewski vom Förderverein St. Marienkirche Frankfurt (Oder) vor dem Nordportal© Foto: Lisa Mahlke

Alle, die die Rückkehr der Bleiglasfenster in die Marienkirche in Frankfurt (Oder) erlebt haben, werden diesen Moment nicht vergessen, ist sich Helmuth Labitzke, Pfarrer im Ruhestand, sicher. Er war dabei, genauso wie 2000 andere Frankfurter, die zwischen Hauptgebäude der Viadrina und Kirche auf den Lkw mit den 22 Holzkisten warteten. Im kommenden Jahr, am 29. Juni 2022, wird diese Rückkehr 20 Jahre her sein.

Rückkehr nach fast 60 Jahren und einigen Hürden

Drei Jahre später gab es einen Festakt zum Einbau des ersten Fensters. Erst 2008 kamen die letzten sechs der insgesamt 117 Scheiben auch noch in Frankfurt an. Im Oktober 2009 waren die Restaurierung und der Einbau aller Felder dann abgeschlossen.

Bis es soweit war, war es allerdings ein langer Weg. Viele Jahre galten die Fenster offiziell als verschollen, fast 60 Jahre lang war die Bilderbibel nicht in Frankfurt. Erst Anfang der 1990er Jahre wurde bekannt, dass sie im Depot der St. Petersburger Eremitage, eines der größten Kunstmuseen, lagern. Die Stadt, die evangelische Kirchengemeinde und viele weitere Akteure bemühten sich um die Rückkehr der Fenster, ganz offiziell verhandelten die Bundesrepublik und die Russische Föderation.Aus 117 Scheiben bestehen die mittelalterlicher Bleiglasfenster in der St.-Marien-Kirche in Frankfurt (Oder). (Archivbild)Aus 117 Scheiben bestehen die mittelalterlicher Bleiglasfenster in der St.-Marien-Kirche in Frankfurt (Oder). (Archivbild)
© Foto: MOZ

Auch Ex-OB Wolfgang Pohl kann sich noch an den langwierigen Prozess erinnern. Er schrieb Briefe nach Russland, auch zusammen mit der Kirchengemeinde, besuchte den russischen Vizekulturminister in Moskau, bat den damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl bei einem Frankfurt-Besuch, das Anliegen zu unterstützen, und war dann Teil der Delegation, zu der auch Pfarrer Labitzke gehörte, die nach St. Petersburg fuhr.

Änderung des russischen Gesetzes zur Beutekunst machte Rückkehr möglich

Aber warum waren die Fenster überhaupt weg? Während des Zweiten Weltkrieges hatte man festgestellt, dass eine Verbrettung wertvoller Fenster von außen nicht ausreicht. Im August/September 1941 wurden die Fenster dann bereits ausgebaut und zuerst im Nordturm der Kirche eingelagert. 1944/45 wurden sie dann aus Frankfurt evakuiert und nach Potsdam ins neue Palais gebracht. Kulturoffiziere der Roten Armee sammelten sie nach dem Krieg zusammen mit anderem Kriegsbeutegut ein. Erst eine spätere Änderung des russischen Beutekunstgesetzes legte fest, dass Kulturgut von Religionsgemeinschaften und von durch das Naziregime Verfolgten nicht grundsätzlich russisches Eigentum ist.Über die Russlandreise Anfang des neuen Jahrtausends erinnert sich Pohl in einer mehrseitigen Abhandlung. Darin heißt es unter anderem: „Höhepunkt unseres Besuchsprogramms war dann das symbolische Anschieben des Lkw, beladen mit dem wertvollen Schatz unserer Marienkirchenfenster.“

Uhrschlaggeläut soll in den kommenden zwei Jahren Teil von St. Marien werden

Als Schatz bezeichnet auch heute noch Reinhard Richter nicht nur die Fenster, sondern die ganze Kirche. Er ist seit vier Jahren Vorsitzender des Fördervereins St. Marienkirche, der im vergangenen Jahr sein 30. Bestehen feierte. Führungen durch die Kirche haben eigentlich immer auch die Fenster zum Thema, manche Gruppen melden sich extra für sie an. Ein Schatz sei die Kirche auch, sagt er, weil sie die größte Hallenkirche norddeutscher Backsteingotik ist und „ein wunderbares Geläut“ hat. „Sie hat das größte Geläut, und das schönste, keine Frage“, sagt auch Helmuth Labitzke. „Osanna“, mit 5,2 Tonnen, sei die mit Abstand größte Bronzeglocke.In den kommenden zwei Jahren soll endlich das Uhrschlaggeläut umgesetzt werden. Zur Viertel-, halben und ganzen Stunde zeigen dann zwei kleinere Glocken die Uhrzeit an. Bisher läuft das elektronisch, erklärt Richter. Das Geld aus Spenden und von Sponsoren ist da, 80.000 bis 100.000 Euro wird das Vorhaben kosten, auch Messungen fanden statt, wie die Glocken mit den anderen der Stadt zusammen klingen werden.

Stadtverordnete stimmen dem Konzept zur Marienkirche zu

Noch mehr wird sich bis 2050 in der Kirche tun, das haben die Stadtverordneten in der vergangenen Woche beschlossen, als sie dem Konzept zur Nutzung und über Baumaßnahmen zustimmten, mit nur einer Handvoll Enthaltungen. Einigen Stadtverordneten ist es nicht visionär genug. „Das Konzept war dringend nötig“, sagt hingegen Reinhard Richter. Dafür war extra eine Stelle im Eigenbetrieb Kulturbetriebe der Stadt ausgeschrieben worden, David Lenard erarbeitete ein Jahr lang die Konzeption. „Er hatte einen nicht-parteiischen Blick, hat mit sehr wachem Auge den Prozess beobachtet, war sehr hörfähig“, lobt Richter. Am Ende hatte er zwei Vorschläge: Museum oder Bürgerkirche.

Das nun beschlossene Konzept als Bürgerkirche begrüßt auch der Förderverein. Er sucht noch nach einer Möglichkeit für einen Ort der Stille in der Kirche. Eine Idee ist die Nordkapelle. Helmuth Labitzke erinnert auch an das große Holzkreuz, das nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 in der Kirche stand und in das Menschen Zettel mit ihren Nöten nagelten. „Das Bedürfnis von Menschen, Sorgen loszuwerden, wird es immer geben“, betont er.Dass es eine Steuerungsgruppe und ein Kuratorium geben soll, befürwortet der Förderverein. Die Steuerungsgruppe soll unter anderem sichern, dass das Konzept umgesetzt wird. Ein Kuratorium begleitet das Ganze, unterstützt bei Beschlüssen und der Fördermittelakquise, aber auch dabei, was Bürgerkirche eigentlich heißt, welche Veranstaltungen stattfinden und so weiter.

Kirche als Ort des Geistes, der Begegnung, Geschichte, Kultur

In einer immer multikulturelleren Stadt wird die Kirche multikulturell genutzt und verbinde viele Aspekte miteinander. Reinhard Richter nennt den Handwerker- oder auch den Adventsmarkt, ein Gegenkonzept zum Weihnachtsrummel, als Beispiel für etwas, das einen guten Platz in der Kirche gefunden hat. Dass Kirchen nicht nur ein Ort des Geistes sind, sondern auch der Kultur, Geschichte, Begegnung, das sei auch früher schon der Fall gewesen. „Immer“, bestätigt Labitzke.Zum Aspekt der Vermarktung, die eine der Maßnahmen im Kirchen-Konzept ist, sagt er: „Wir sind nicht in erster Linie an Vermarktung interessiert. Die Menschen sollen hier einen Ort finden, an dem sie zur Ruhe kommen, etwas für ihre Seele tun, aus dem sie gestärkt in den Alltag zurückgehen können.“

Märkische Oderzeitung, 31.03.2021
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