22.03.2020  –  Märkische Allgemeine Zeitung

Alt Ruppin bekommt Ersatz für seine rostigen Glocken

Die Kirche von Alt Ruppin bekommt in diesen Tagen ein neues Geläut. Die alten Glocken aus DDR-Zeiten sollen durch neue ersetzt werden. Sie stammen aus einer Kirche in Hamburg, die im vergangenen Jahr abgerissen wurde.

Es ist erst ein paar Tage her, aber der Muskelkater sitzt Stefan Püschelnoch in den Armen. Die tonnenschweren Glocken in der Alt Ruppiner Kirche zu bewegen war eine Herausforderung. „Eine Plackerei“, sagt Püschel, der in der evangelischen Gesamtkirchengemeinde Ruppin als Haustechniker der Mann für alle Fälle ist.

Selbstverständlich hat er mit angepackt, als der Glockenbauer die Stahlkolosse im Turm der Alt Ruppiner Nikolaikirche mit Hilfe von Kettenzügen aus ihren Lagern gehoben hat.

Die Glocken mussten weichen, damit die Zimmerleute Platz haben, wenn sie am Montag mit ihrer Arbeit beginnen. Die Kirche in Alt Ruppinbekommt neue Glocken. Doch bevor die kommen, muss erst einmal der Glockenstuhl ausgebessert werden.

Einige Schäden am Glockenstuhl sind deutlich zu sehen. Quelle: Reyk Grunow

Von einer wirklichen Verstärkung will Gregor Hamsch, Geschäftsführer der Gesamtkirchengemeinde, zu der neben Neuruppin, Krangen, und Storbeck auch Neuruppin gehört, nicht sprechen. „Es müssen nur ein paar Balken ausgetauscht werden“, sagt er.

Wie viele Gemeinden im ganzen damaligen Reich musste auch Alt Ruppin im Krieg seine Glocken abgeben. Sie wurden eingeschmolzen und zu Waffen und Munition verarbeitet.

Nach 1945 war Material knapp. Die Alt Ruppiner haben zwar neue Glocken für ihre Kirche bekommen. Doch die waren nicht mehr aus Bronze, sondern aus billigem Apolda-Stahl.

Die neuen Glocken werden durch eine der Schallöffnungen in den Turm gehievt, sagt Stefan Püschel. Die muss dafür etwas verbreitert werden. Quelle: Reyk Grunow

Rost hat sich überall auf den Glocken festgesetzt und frisst sich seit Jahrzehnten in das Material. An etlichen Stellen sind Löcher in der Stahlwand zu sehen.

Das Angebot, das die Kirchengemeinde im vergangenen Jahr bekam, konnte sie deshalb nicht ausschlagen: neue Glocken zum absoluten Schnäppchenpreis. Wobei „neu“ relativ ist. Genau genommen handelt es sich um ein gebrauchtes Geläut, aber in bestem Zustand.

Die drei Glocken hingen in einer Kirche in Hamburg. Doch die gibt es inzwischen nicht mehr – sie wurde abgerissen. Die evangelisch-lutherische Gemeinde Reiherstieg in Hamburg-Wilhelmsburg kämpft seit vielen Jahren mit massiven Mitgliederschwund, wie viele in ganz Deutschland.

Alt Ruppin bekommt die Glocken der Hamburger Paul-Gerhardt-Kirche

Schon vor geraumer Zeit hatte sie sich deshalb entschlossen, eine ihrer Kirchen aufzugeben. „Das war ein schmerzlicher Prozess und ist es noch“, sagt der Hamburger Pastor Vigo Schmidt. Doch letztlich blieb kaum eine andere Wahl.

Das Inventar zu verschrotten wäre zu schade gewesen, also suchten die Hamburger an der Gemeinde, die Interesse hatten, etwas zu übernehmen. Die Alt Ruppiner bekamen so die Glocken der einstigen Paul-Gerhardt-Kirche im Hamburg zugesprochen.

Mit Kettenzüge und viel Muskelkraft werden die tonnenschweren Glocken an ihre Position im Glockenstuhl bewegt.Quelle: Reyk Grunow

In den nächsten Tagen sollen Zimmerer den Glockenstuhl in Alt Ruppinausbessern. Danach soll eine Baufirma eine Fensteröffnung im Turm etwas erweitern, damit die neue Glocken hindurchpassen. Wenn die eingesetzt werden, muss wohl die Bundesstraße kurzzeitig gesperrt werden, sagt Gregor Hamsch. Der Platz auf der Straße wird für den Kran benötigt, der die mehrere Tonnen schweren Glocken in den Turm hieven soll. Wann das passiert, steht noch nicht genau fest.

In Corona-Zeiten läuten in Neuruppin jeden Abend die Kirchenglocken

Wegen der Arbeiten schweigen die Alt Ruppiner Glocken seit gut einer Woche. Alle anderen Kirchen in den evangelischen Gesamtkirchengemeinden Ruppin, Protzen-Wustrau, Radensleben, Temnitz und der katholischen Gemeinde Neuruppin läuten ihre Glocken ab sofort jeden Tag um 19 Uhr zusätzlich.

Das ist Teil der Aktion „Licht für den Frieden“: In Zeiten, in denen sich alle als Schutz vor einer Ansteckung voneinander fernhalten müssen, wollen die Kirchengemeinden damit ein Zeichen des Zusammenhalts setzen. Um 19 Uhr läuten sämtliche Glocken, in vielen Fenstern stehen Lichter und die Gemeindemitglieder sind aufgefordert, trotz Anstand miteinander zu beten.

Die neuen Kirchenglocken in Alt Ruppin sollen nach Ostern in Betrieb gehen. „Auf das geplante große Fest werden wir leider verzichten müssen“, sagt Gregor Hamsch.

Von Reyk Grunow

Märkische Allgemeine Zeitung, 22.03.2020
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