13.05.2020  –  Lausitzer Rundschau

Anekdoten würzen in Lübben den Turmaufstieg

13. Mai 2020, 16:41 Uhr•Lübben
Von Andreas Staindl

Vera Städter ist die Türmerin in Lübben. Sie führt seit 2011 Gäste auf den Turm an der Paul-Gerhardt-Kirche.
Pfarrer Martin Liedke (Mitte) hält den Stern hoch – und die christliche Botschaft auch, besser gesagt besonders in Corona-Zeiten. Über Ostern sind zwar aufgrund der Pandemie keine Gottesdienste möglich, doch einige Angebote gibt jes doch. Das Bild stammt aus der Vorstellung des neu installierten Weihnachtssterns mit Lübbens Türmerin Vera Städter (links) und Ines Mularczyk aus dem Kulturbereich der Stadtverwaltung.

115 Stufen sind es bis zur Aussichtsplattform des Turms an der Paul-Gerhardt-Kirche am Lübbener Marktplatz. Aus 22 Metern Höhe kann man der Kreisstadt quasi aufs Dach schauen. Bei klarem Wetter schweift der Blick weit in den Spreewald hinein.Möglich macht das alles Vera Städter. Sie ist die einzige Türmerin in Lübben. Seit 2011 führt die 53-Jährige Gäste auf den Turm im Herzen der Spreewaldstadt. Sie macht das freiwillig, ist Gästeführerin, regionale Botschafterin und Tippgeberin. „Jeder Aufstieg ist auch für mich spannend. Die Gäste hören schließlich nicht nur zu, sondern haben oft auch selbst Spannendes zu erzählen.“

Quark und Haare im Außenputz des Turmes

Vera Städter liebt die Gespräche mit den Teilnehmern, mag den Gedankenaustausch mit ihnen. Sie „erschlägt“ sie nicht mit Zahlen und Fakten, würzt vielmehr ihre Aufstiege mit kurzen Anekdoten. „Ich möchte nicht langweilen sondern neugierig machen.“ Dass im Außenputz des Turms auch zentnerweise Quark und säckeweise menschliche Haare verarbeitet wurden – „findet jeder interessant“. Vera Städter versteht es hervorragend, ihre Gäste zu unterhalten. Das gelingt ihr mit Charme sowie der Art und Weise, wie sie Besucher nach oben führt.Ein Gehilfe ist immer dabei. Er oder sie wird vor dem Start am Eingang zum Turm von der Türmerin bestimmt: „Diesen kleinen Spaß hat noch niemand abgelehnt.“ Der Gehilfe muss etwa die Stufen bis auf die Aussichtsplattform zählen – und erhält dort neben Beifall der Teilnehmer auch einen Türmertrunk.

Prost auf den Lübbener Turm. Und natürlich auf die Türmerin. Sie ist die einzige Frau ihrer Zunft in der Tourismusregion Berlin-Brandenburg. „Als ich 2011 begonnen hatte, wusste ich nicht, was mich erwartet. Von meinem Vorgänger hatte ich lediglich das Grundgerüst der Aufstiege übernommen. Ich war aber schon damals dankbar, endlich eine öffentliche Aufgabe zu haben, die ich selbst mit Leben erfüllen kann.“

Erlebnis-Touren nicht von der Stange

Und das ist ihr hervorragend gelungen. Auch, weil ihr Herz an diesem Amt hängt. „Menschen auf den Turm zu führen, ihnen das Bauwerk und damit die Geschichte unserer Stadt näher zu bringen, ist für mich längst eine Herzensangelegenheit“, sagt Vera Städter. Ihre Turmaufstiege sind Erlebnis-Touren. Und sie sind nicht von der Stange. Kindergeburtstag, Firmenjubiläum, Klassentreffen, runde Geburtstage – Anlässe, den Turm zu besteigen, gibt es viele. Vera Städter stellt sich auf die jeweilige Gruppe ein. „Individuelle Aufstiege sind eine Herausforderung für mich. Ich liebe das. Die Ideen dafür gehen mir nicht aus.“Eine ihrer ersten Taten als Türmerin war es, eine Türmerstube einzurichten und den Bereich oben im Turm zum rustikalem Aufenthalts- und Veranstaltungsort umzugestalten. Vera Städter hilft so der Fantasie der Turmbesteiger auf die Sprünge und zeigt, dass Türmer so oder so ähnlich gelebt haben könnten. Auch über die drei Glocken und die eiserne Tür weiß sie spannende Geschichten zu erzählen. Umfangreiches Wissen hat sich die Türmerin in den Jahren über das höchste Wahrzeichen in Lübben angeeignet. Weil es „viele Wiederholungstäter gibt, auch aus unserer Stadt selbst“, ist sie immer auf der Suche nach neuen Episoden und Anekdoten.

Musikalisches Ständchen im Turm

Hin und wieder, wenn es gewünscht ist oder passt, erwartet die Gäste ein musikalisches Ständchen im Turm. „Am schönsten ist es, wenn dann alle gemeinsam singen“, so Städter. Selbst an die Kinder hat sie gedacht, Sie dürfen sich auf spannende Geschichten freuen, von denen die Türmerin einige selbst aufgeschrieben hat. Und sie trifft auch hier offenbar den richtigen Nerv, „denn es gibt Kinder, die kommen immer wieder“. Aufstiege mit Vera Städter auf den mehr als 525 Jahre alten Turm sind wie eine fiktive Zeitreise. Spannend, unterhaltsam und selbst für die Türmerin jedesmal eine Bereicherung, versichert sie.Mehrere Tausend Menschen aus dem In- und Ausland hat sie seit 2011 schon über die Holztreppen nach oben geführt. Maximal 25 Leute gleichzeitig dürfen mit auf den Turm. Jeweils von April bis Oktober werden Aufstiege angeboten. Das Corona-Virus hat der Türmerin in diesem Jahr einen Strich durch die Rechnung gemacht. „Alle Buchungen wurden gecancelt“, sagt Vera Städter. „Auch die drei öffentlichen Aufstiege pro Woche sind derzeit nicht möglich. Es wäre schön, wenn ich wenigstens kleine Gruppen noch während dieser Saison nach oben führen könnte.“Kontakt zur Türmerin sind telefonisch unter 03546  180813 möglich.

Lausitzer Rundschau, 13.05.2020
Zur Kirche
Paul-Gerhardt-Kirche Lübben im Pressespiegel
Anekdoten würzen in Lübben den Turmaufstieg 13.05.2020 · Lausitzer Rundschau